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Girley Charlene Jazama: „Wir Herero tragen ein generationenübergreifendes Trauma in uns“

Fotocredit: Studiocanal GmbH / Willem Vrey

Im Gespräch mit Schauspielerin Girley Charlene Jazama

Zwischen 1904 und 1908 verübten deutsche Kaisertruppen den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Über die Gräueltaten gibt es bis heute nur wenig Aufklärung. Mit “Der Vermessene Mensch” erscheint jetzt der erste deutsche Kinofilm, der die Kolonialverbrechen thematisiert. Wir haben uns mit Girley Charlene Jazama getroffen. Im Film spielt sie die Rolle der Kezia Kambazembi. Eine Dolmetscherin einer Delegation von Nama und Herero, die zur Teilnahme an einer „Völkerschau“ in Deutschland gezwungen wurde.

Girley ist selbst Herero und in Namibia geboren und aufgewachsen. Ihre eigene Familiengeschichte ist eng mit dem Völkermord verbunden. Girleys Ur-Urgroßmutter war Gefangene im Konzentrationslager “Alte Feste” und wurde von einem deutschen Kommandanten vergewaltigt. Ihre Urgroßmutter wurde 1909 in diesem KZ geboren. In ihrer Familie wurde lange nicht über ihre Geschichte gesprochen. “Der Schmerz war zu groß”, vermutet die Schauspielerin. Im Gespräch mit RosaMag erzählt sie, warum “Der Vermessene Mensch” kein White-Savior-Film ist, wie sie selbst mit dem Trauma ihrer Familie umging und was sie von der aktuellen Restitutionsdebatte um afrikanische Kulturgüter hält.

Girley, hattest du je die Befürchtung, dass Der Vermessene Mensch ein White-Savior-Film wird?

Girley Charlene Jazama: Nein, weil der Regisseur des Films, Lars Kraume, mich in den Schreibprozess des Drehbuchs mit eingebunden hat. Wir haben viele Dinge miteinander ausgehandelt. Im ersten Entwurf, den er mir geschickt hat, gab es dieses White-Savior-Element. Ich habe ihm dann erklärt, dass niemand die Herero und Nama gerettet hat. Weshalb das nicht die Geschichte sein kann, die wir erzählen. Für mich war klar: Nur so kann ich ein Teil dieses Films werden. Lars hat das respektiert und verstanden.

Wie ist deine eigene Familiengeschichte mit dem Völkermord verbunden?

Girley: Meine Ur-Ur-Großmutter mütterlicherseits war eine Gefangene im Konzentrationslager Alte Feste. Sie war eine Teedame für einen der Kommandanten und wurde vergewaltigt. Meine Urgroßmutter wurde 1909 geboren. Sie wurde in diesem Konzentrationslager gezeugt. Das ist meine Verbindung zum Völkermord und zur Geschichte.

Du bist in Namibia aufgewachsen. Warst du dir dieser Gräueltaten bewusst?

Girley: Ich wusste vom Völkermord. Mir war aber lange nicht bewusst, wie direkt meine Vorfahr*innen davon betroffen waren. Ich habe Tanten mütterlicherseits, die blond sind, grüne Augen und helle Haut haben. In meiner Familie hieß es auch immer, dass wir deutsche Vorfahren hätten. Aber erst als dieser Film in mein Leben trat, fing ich an, meinen Tanten Fragen zu stellen. Schließlich bin ich Herero. Meine Vorfahr*innen lebten zu dieser Zeit. Ich wollte wissen, wie meine Familie in diese Geschichte passt. Die erste Frage, die ich stellte, war: War das Liebe? Die Antwort war offensichtlich. Es konnte in dieser Zeit keine Liebe sein, aber was war es dann? Wo beginnt unsere Geschichte? Das waren die Fragen, die mich beschäftigten.

Wie wurde denn in deiner Familie mit dem Thema umgegangen?

Girley: Es wurde lange nicht über das Trauma gesprochen. Eine meiner Tanten hat mir erzählt, dass meine Großmutter zu ihren Lebzeiten leugnete, dass ihre Mutter vergewaltigt wurde. Ich glaube, es war für sie zu schwer zu akzeptieren, dass sie das Ergebnis einer Vergewaltigung war. Bei meiner Recherche habe ich viel getrauert: um meine Ur-Ur-Großmutter und um meine Urgroßmutter. Ich bin sicher, dass sie nie von ihrem Trauma geheilt wurden. Wie auch? Der einzige Weg, das zu verarbeiten, ist darüber zu sprechen.

Wurde nur in deiner Familie nicht über den Völkermord gesprochen oder ist das in Namibia generell der Fall?

Girley: In der Schule wird die Geschichte des Völkermords nicht sehr ausführlich behandelt. Der Schwerpunkt liegt eher auf dem Befreiungskampf, aber natürlich wissen wir als Nachkommen davon. In der größeren gesellschaftlichen Debatte werden wir aber ignoriert.

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Girley Jazama bei der Premiere von Der Vermessene Mensch auf der Berlinale. ©Studiocanal GmbH / Sebastian Gabsch

Du hast gerade gesagt, dass das Trauma deiner Familie nie geheilt wurde. Hast du das Gefühl, das jetzt mit diesem Film tun zu können?

Girley: Es ist ein Anfang. Als Volk tragen wir ein generationenübergreifendes Trauma in uns. Für uns Afrikaner*innen sind unsere Vorfahr*innen sehr wichtig. Wir sind bis heute nicht in der Lage, wirklich zu heilen, weil wir unsere Leute nicht auf würdige Art und Weise begraben konnten. Sie werden immer noch ausgestellt. Sie müssen zurückgegeben werden, damit wir kollektiv heilen können.

Gestohlene Artefakte spielen im Film eine große Rolle. Wie schätzt du die aktuelle Restitutionsdebatte um afrikanische Kunstgüter ein?

Girley: Die Debatte ist herablassend und arrogant. Die Deutschen sagen, dass sie sich entschuldigen. Sie geben zu, dass sie gestohlen und gemordet haben. Aber sie stellen diese Artefakte weiterhin in Museen aus, als wären sie ihre. Wie kann das richtig sein?Und dann haben sie die Dreistigkeit, uns zu sagen, dass sie uns die Artefakte für eine gewisse Zeit ausleihen würden. Was wollen Sie uns damit sagen? Dass wir nicht in der Lage sind, auf unsere eigenen kulturellen Artefakte aufzupassen?

Gibt es überhaupt einen Weg der Wiedergutmachung?

Girley: Das würde damit beginnen, dass sich alle Parteien an einen Tisch setzen und ein ehrliches Gespräch führen. In diesem Gespräch würden alle Parteien und ihre Bedenken anerkannt und nicht abgetan werden. Ich bin sicher, so könnte ein historischer Kompromiss gefunden werden.

Es braucht also eine Art Kompromiss, den es vorher noch nie gab?

Girley: Es ist 2023. Wir können das besser machen. Lasst uns einfach aus einer menschlichen Perspektive miteinander interagieren und uns immer fragen: Wie würde ich behandelt werden wollen, wenn es meine Leute wären? Das sollte der Anfang sein. Die Deutschen haben anerkannt, was geschehen ist, aber jetzt ignorieren sie die Menschen, die bis heute mit den Konsequenzen leben müssen. Wie kann man da von gerechten Verhandlungen sprechen? Dabei wissen die Nachfahr:innen genau, was ihnen zusteht.

Kannst du das näher erläutern?

Girley: Wir sind als Volk vertrieben worden. Wir haben Land verloren. Wir haben Vieh verloren. Wir sind traumatisiert. Namibia ist bekannt für seine weiten Landschaften. Wenn man durchs Land fährt, sieht man überall Farmen mit Herero- und Nama-Namen. Aber wem gehören diese Farmen? Nicht den Herero, nicht den Nama. Sie befinden sich im Besitz einer kleinen Elite und der Deutschen, die das Land in private Wildreservate verwandeln. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Nachkommen der Herero und Nama zu Wort kommen und gehört werden. Wir sind nicht alle gleich. Wir haben nicht alle die gleichen Bedürfnisse. Wir haben nicht dieselben Kämpfe hinter uns. Das anzunehmen, ist eine Form von Arroganz.

Was soll dieser Film bewirken, in Namibia sowie auch in Deutschland?

Girley: Ich wünsche mir, dass Menschen den Völkermord nicht länger leugnen. Ja, es ist eine schmerzhafte Geschichte, die wir vielleicht alle nicht wahrhaben wollen, aber unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Deshalb hoffe ich, dass der Film den Menschen hilft, miteinander ins Gespräch zu kommen und letztlich auch sich zu verändern.

Celia-Parbey

Celia

Celia Parbey ist Berlinerin und Afrikawissenschaftlerin. Sie arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE und frei für verschiedene Online- und Printmagazine. Außerdem ist sie Chefredakteurin vom RosaMag, einem Online- Lifestylemagazin für Schwarze FLINTA* im deutschsprachigen Raum. Sie schreibt zu den Themen: Koloniale Kontinuitäten, Intersektionalität, Feminismus und Rassismus.

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