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    Übrigens, ich bin autistisch.

    Autismus. Räume. Schaffen.

    Übrigens, ich bin autistisch.

    Vor siebeneinhalb Jahren wurde ich erstmals als autistisch diagnostiziert (die offiziellen medizinischen Diagnosen hierzu werden derzeit wesentlich schädlicher und überheblicher ausgedrückt, deshalb reproduziere ich sie hier nicht). In dem Moment beeinflusste das wenig für mich, da es mir selbst seit meiner Jugend eigentlich bewusst war und ich ohnehin denke, dass Autismus in der Dominanzgesellschaft grundlegend falsch verstanden und dargestellt wird. Außerdem hatte ich damals keinerlei Interesse an Labels. Ich war schon mit genug anderen Dingen im Leben beschäftigt. Für eine Auseinandersetzung mit Autismus obendrauf war da gefühlt einfach kein Raum. Es war erst letztes Jahr als die Diagnose erneut aufkam, dass ich mich fragte:

    Warum hatte ich eigentlich kein Bedürfnis mehr über meinen Autismus zu sprechen?

    Schon in meiner Jugend, las ich alles Mögliche und recherchierte, zur Geschichte vom Autismus-Spektrum. Ich stellte fest, dass während beschriebene „Autismus-Symptome” auf mich zu trafen, die tatsächlichen medizinischen Ansichten zum Thema Autismus mir ziemlich absurd erschienen. Es waren schädlich, herablassende, überhebliche Betrachtungsweisen, die darauf basierten Autist:innen als zu managende Störfaktoren der „Normalität“ zu definieren. Eine offizielle Diagnose hatte mich folglich erst mal nicht interessiert. Als die Diagnose dann doch kam, entstand sie aus einem ursprünglich ganz anderen Behandlungskontext heraus. Da war sie dann. Und was sollte ich nun damit?

    Autistisch, neurodivers, neurodivergent oder „Tessa mit Autismus”?

    Früh fing ich an mich mit jenen Menschen zu vernetzen, die selbst autistisch sind, was mit dem Wachsen des Internets immer einfacher wurde. Hier gibt es aktuell viel Entwicklung und Diskussion rund um die vielen Fehlinformationen und Missverständnisse über Autismus. Starke Communitys, fordern ihre Rechte und sie sprechen für sich selbst. In Bezug auf Autismus sprechen sie auch von Neurodiversität, also dem „Spektrum der Unterschiede in der individuellen Gehirnfunktion und den Verhaltensmerkmalen, die als Teil der normalen Variation in der menschlichen Bevölkerung angesehen werden“. Das Autismus-Spektrum wird hierbei auch als neurodivergent beschrieben, also die „Unterschiede in der mentalen oder neurologischen Funktion von dem, was als typisch oder normal angesehen wird“, im Gegensatz zu neurotypisch.

    Neurodiverstität-Symbol
    Autismus-Spektrum-/Neurodiversität-Symbol
    Bildquelle: Fuck Yeah Autism Spectrum

    Ich spreche in Bezug auf mich selbst oft einfach vom neurodivers sein, auch wenn ich weiß, dass das eigentlich nicht die präziseste Bezeichnung ist.

    Neurodivergent beschreibt für mich schon zu sehr das Phänomen von irgendeiner erwarteten Norm abzuweichen. Dies sind Selbstbezeichnungen, die sich weiterentwickeln und in jedem Fall hilfreiche neue Sprache bieten, hin zu einer besseren Auseinandersetzung mit Autismus und Neurodiversität insgesamt. In diesem Artikel bleibe ich jetzt allerdings mal bewusst bei den Begriffen Autismus und autistisch. Und übrigens die Bezeichnung „mit Autismus“ lehne ich für mich selbst auch ab, ich bin ja auch nicht Tessa mit Queerness, sondern einfach queer. Aber, ob nun Identität zuerst oder Person zuerst, ist auch eine sich stetig weiterentwickelnde Debatte.

    Massiv unterdiagnsotiziert in Frauen & BIPoC!

    Autisten sind dem (falschen) Stereotyp nach weiße Jungs und Männer mit auffälligem Verhalten oder gar einer vollkommenen Unfähigkeit zu kommunizieren. Nichts von dem eben erwähnten trifft nun auf mich zu. Im deutschsprachigen Raum gibt es hier noch wenig Recherche zu, aber international belegen Studien bereits, dass Autismus vor allem in der Kindheit typischerweise unterdiagnsotiziert ist bei Mädchen (bzw. weiblich gelesenen Kindern) und BIPoC. Das heißt die Wahrscheinlichkeit, dass jemensch frühzeitig auf die Idee kommen würde, dass Autismus bei mir überhaupt eine Rolle spielen könnte, war verschwinden gering.

    Jedenfalls wurde mir zum Verständnis meines eigenen Autismus kein Kontext oder Unterstützung geboten. Wie ich zuvor schon mal beschrieben habe, wurde mir als Kind auch für den Umgang mit Rassismus wenig Wissen vermittelt und von verwirrenden Auseinandersetzungen mit Sexualität und Genderindentität – von tief traumatisch bis absurd-lustig – brauche ich hier erst gar nicht anzufangen. Also kurz gesagt: Es machte alles keinen Sinn.

    Ich beobachtete eine Gesellschaft, die irgendwelchen Regeln und Normen zu folgen schien, aus denen ich jedoch überall herausfiel, von der ich endlos überfordert war, in der es keinen Raum, Respekt oder Willkommen für mich gab.

    Eigene Lösungs- & Lebenswege finden…

    Eine frühe Erinnerung aus der Schulzeit sticht für mich heraus. Es war der Vorwurf eines sogenannten Lehrers, dass ich bei einer Testaufgabe geschummelt haben müsse.

    Ich hatte eine wohl relativ komplexe Matheaufgabe gelöst mit einem Lösungsweg, den mir niemensch beigebracht hatte.

    Aber was passiert war, war, dass ich den vom Lehrer vorgeschlagenen Lösungsweg verwirrend fand und mir schwer merken konnte. Also hatte ich eigenständig eine Herangehensweise gefunden, die für meine Denkweise passender war. Später begann ich Nachhilfeunterricht zu geben und stellte sogar fest, dass meine Lösungswege auch der ein oder anderen Person leichter fielen, die sich diese aber nicht selbst immer erschließen konnten.

    Was ich von dem Ganzen letztlich mitnahm war das vertiefte Verstädnis, dass wir insbesondere auf dem traditionellen Bildungsweg, alles nur durch einen einzigen neuronormativen Schlauch zugefüttert bekommen. In diesen Schlauch passte ich nicht, mit viel Wissen und Geschick konnte ich allerdings um diesen herum balancieren und schließlich vor allem auch jenseits von diesem viel mehr entdecken konnte. Denn während ich früher sehr viel Nachahmung von Neuronormativität betrieben habe bestreite ich inzwischen beruflich als auch privat meine vollkommen eigene Lösungs- und Lebenswege.

    Bei Autismus hilft Autismus!

    Ein unbewusster Instinkt von mir wurde es den Herausforderungen als Autist:in mit Autismus zu begegnen. Ich konnte nicht auf Anhieb verstehen nach welchen Regeln und Normen die neuronormative Welt agierte, aber ich konnte beobachten, abspeichern, analysieren, sortieren, einordnen, abrufen. Ich konnte nicht durch neurotypische Social Skills ein Arbeitsnetzwerk aufbauen, aber ich konnte durch komplexe Leistungsfähigkeit und kreative Denkweisen überzeugen sowie durch klare Intentionen mich insbesondere mit wirklich Gleichgesinnten vernetzen. In vielen Situationen konnte ich mit der Überlastung an Sinneswahrnehmung nicht umgehen, aber durch die Umsetzung eigener Projekte konnte ich meine ganz eigenen Räume und Umgebungen erschaffen. Ich konnte meine Emotionen und jene anderer lange nicht einordnen, bin zugleich hyper-empathisch für alles, das um mich herum passiert, was dann zu Rückzug und Überforderung führte. Stattdessen konnte ich aber das bessere psychologische Verständnis von Menschen, ihren Emotionen und Verhaltensweisen zu einem Lernfokus machen.

    „High-functioning“, „Masking“ & überholte Ansichten?

    Kontouren

    Aber was tat ich da eigentlich? Nun ja, im bisherigen Jargon der Auseinandersetzungen mit Autismus, würde mensch meinen Autismus sicherlich als „high-functioning“ beschreiben und viele meiner Verhaltensweisen als „Masking“ einordnen. Ich halte beide Begriffe für falsch und denke wir müssen uns grundlegend neu damit beschäftigen, was Autismus eigentlich ist.

    High-functioning“ bedeutet hierbei wortwörtlich hoch-funktionieren, also wie eine Maschine, „trotz“ Autismus möglichst gut funktionieren im Sinne der neuronormativen Dominanzgesellschaft.  Abgesehen davon, dass Menschen als „funktionierend“ zu beschreiben hochproblematisch ist, ist das Prinzip an sich sehr schwammig und setzt eine erstrebenswerte Norm voraus, anstatt individuelle Fähigkeiten zu schätzen. „Masking“ bedeutet „Maskieren“ und soll das Phänomen beschreiben, wenn autistische Menschen neurotypische Verhaltensweisen erlernen und nachahmen.

    „Masking“ ist, meiner Ansicht nach, ein falscher Begriff, da es autistischen Menschen, wie mir, oft ums irgendwie bloß Überleben geht und nicht ums Vortäuschen.

    Solange ich mich erinnern kann beschreiben andere mich als eigen, seltsam, komisch, besonders und weitere weniger nett ausgedrückte Varianten hiervon. Dennoch, wenn ich Leuten, die mich nur oberflächlich kennen, von meinem Autismus berichte, reagieren sie meist ungläubig; dafür sei ich dann doch wieder „zu normal“. Das Problem bin hierbei halt nicht ich, sondern die gesellschaftlichen Erwartungen an Autismus.

    Räume navigieren & erschaffen.

    Inzwischen navigiere ich erfolgreich alle möglichem Räume und Umfelder, selbst jene, die mich früher auf allen Ebenen überfordert hätten; in denen ich heutzutage zwar zum Teil sogar brillieren kann, jedoch stets unter einem enormen Kraftakt für mich selbst. Die einzig wirklich sicheren und konstruktiven Räume, bleiben jene, die ich selbst (mit)erschaffe. Denn Diskriminierung und Vorurteile geschehen eben nicht nur auf einer Ebene. So erlebte ich schon Verteidigung und Zelebrierung von Rassismus in autistischen Communitys, in queeren Kreisen werde ich im Bestfall nur exotisiert im schlimmeren Fall einfach auch mal herausgeworfen, und vom toxischen weißen Feminismus, brauche ich hier gar nicht erst anzufangen.

    Doch auch in Schwarzen Communitys finde ich keinen selbstverständlichen Raum, insbesondere nicht in Bezug auf meinen Autismus.

    Manchmal ist es der Vorwurf hinsichtlich meiner autistischen Verhaltens- und Denkweisen, dass ich „weiß agiere“ („acting white“), ein Phänomen, dass wahrscheinlich stark mit der fälschlichen Annahme zu tun hat, dass Autismus mit weißer Männlichkeit assoziiert wird. Manchmal ist es die Missbilligung, dass ich Ereignisse und Informationen länger als neurotypisch erwartet wird verarbeite und einordne, bevor ich dann meist auf sehr individuelle Art reagiere. Manchmal ist es auch einfach nur das Unverständnis darüber, was für eine Anstrengung für mich allein die Präsenz, zum Beispiel, in einem vollen, lauten Raum oder ungewohnten Umfeld schon sein kann, ich mich also vielleicht erst mal zurückziehe.

    Freiraum für meinen Autismus!

    Ich habe durch meine autistischen Herausforderungen in einer neuronormativen Umwelt enorm hohe Ansprüche an mich selbst gestellt Fähigkeiten zu entwickeln, um möglichst effizient und klar zu kommunizieren, auf Verhaltensweisen anderer Menschen einzugehen und mich anzupassen. Worauf ich hierbei aber viel zu selten geachtet habe, war, ob dies mir selbst eigentlich guttat und, ob solche Bemühungen auch mir gegenüber erwidert wurden. In (mit)erschaffenen Räumen war dies in der Tat auch selten notwendig, dann gerade hier gab es eben die Möglichkeit neue Miteinander zu erproben.

    Aber jenseits von diesen, in etablierten Systemen, schlug mir schon enormste Diskriminierung, Aggression und Egozentrik entgegen, die einfach so existieren durften, weil sie eben in diesem Kontext systemkonform und neurotypisch eingeordnet waren. Benehmen, das, wenn ich sie so an den Tag gelegt hätte, getadelt, verwarnt oder gar wegtherapiert hätte werden müssen. Genau hier zeigt sich eben auch wieder die Notwendigkeit zu hinterfragen, nach welchen prädominanten Regeln Verhaltensweisen eingeordnet werden. Zwar habe ich es auch ein Stück weit gemeistert sogar solche Räume zu navigieren, jedoch mit enormen Kosten an meine eigene Gesundheit und Wohlbefinden. Klar, manchmal können wir uns diesen nicht entziehen. Oft aber auch doch. Also begann ich einfach mal mich Menschen und Kommunikationsweisen zu entziehen, die sich selbst und ihre Umfelder als Maßstab sehen, dem sich andere zu fügen haben. Ich merkte Raum fürs autistisch sein, war einfach nur ein noch authentischerer Raum für mich selbst zum Existieren.

    Möglichkeiten von Autismus neu entdecken…

    In der Auseinandersetzung mit Autismus und Neurodiversität gibt es noch viel zu entdecken und zu verstehen, zum Beispiel identifizieren sich Autist:innen häufiger als (gender-)queer als neurotypische Menschen. Nicht neuronormativ zu denken, kann letztlich auch ein enormer Vorteil und Vorsprung sein für das Erschaffen von intersektionalen Räumen, dem Vorantreiben von gesellschaftlichem Fortschritt und einem gleichberechtigteren Miteinander; denn die „Normalität“ muss noch nicht einmal dekonstruiert werden, wenn sie als Konzept gar nicht erst verstanden wurde.

    Ich möchte meine Energie noch bewusster für Räume einsetzen, in denen ich mit meinem Autismus erfolgreich sein kann, und nicht trotz diesem.

    Die Weite des sogenannten Autismus-Spektrums ist natürlich enorm und ich kann nur für mich selbst sprechen, aber genau das sollte ich mehr tun. Ich jedenfalls baue weiter neue Räume. Jetzt gilt mitbauen oder halt zurückbleiben.

     

    Anmerkungen: Verlinkungen zu Quellen oder weiterführenden Informationen dienen der weiteren Kontextualisierung, spiegeln jedoch nicht unbedingt meine persönlichen Meinungen wider, reproduzieren unter Umständen auch Autismus-diskriminierende Sprache, und sind zum Teil auch auf Englisch.

    Tessa Hart

    Tessa

    Tessa Hart(ig) ist Kulturmacher·in im Performance, Film & soziokulturellen Bereich, die in Berlin, Brüssel und London gelebt hat, und sich insbesondere mit Kultur- und Strukturwandel auseinandersetzt. Derzeit ist Tessa Projektleitung von AfroPolitan Berlin, Künstlerische Leitung vom länderübergreifenden Kollektiv Goblin Baby Co. und Teil des Auswahlgremiums vom Filmfestival Max Ophüls Preis. Ebenso war und ist Tessa künstlerisch bis organisatorisch tätig für zahlreiche Performance-, Film- & Kulturprojekte und hat das Bread & Roses Theatre in London mitbegründet sowie sieben Jahre mitgeleitet. Für RosaMag schreibt Tessa zu Themen rundum Kultur und dem alltäglichen Leben. www.tessahart.com / @TessaSweetHart

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