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afrobayerisch

Das Leben als Afrobayerin und warum es wichtig ist, sich mit seiner eigenen Kultur auseinanderzusetzen

Ein paar Gedanken über das Leben,  als Schwarze Frau in Bayern: 

Ich, ein “Bavarian girl“, auf dem Münchner Oktoberfest, Dirndl, bayerischer Einschlag in der Sprache. Nichts ungewöhnliches, könnte man meinen. Wären da nicht meine Box Braids und mein offensichtlich nicht-weißer Hintergrund. Und ich weiß, dass das Einzige, was die Menschen um mich herum wahrnehmen, die Farbe meiner Haut ist. Sie tritt in den Vordergrund. Ich kann die rätselnden und neugierigen  Blicke sehen, die mir so manch einer zuwirft. Und es kommt schließlich zu der unvermeidbaren Frage: “Woher kommst du eigentlich?”, Antwort:”Aus Deutschland?”, “Ja, aber ich meine ursprünglich”, Antwort:”Immer noch aus Deutschland”,”Aber deine Eltern?” Antwort:”Aus Bayern, München, wenn dus noch genauer wissen willst”, Antwort:”Wahnsinn, und Bayerisch sprichst du auch noch!”. Wenn ich Glück habe, hört die Fragerei hierauf. So oder ähnlich laufen viele Dialoge, wenn man der Afrikanische Diaspora entstammt und in Bayern aufgewachsen ist. Man ist bereits auf Grund seines Aussehens exotisch. Fügt man dann noch ein Dirndl und einen bayerischen Dialekt hinzu, kommen manche meiner Mitmenschen aus ihrem Staunen gar nicht mehr heraus. Exotisierung auf höchstem Niveau. Eine schwarze Bayerin, die auch noch perfektes Bayrisch spricht! Ist ja was ganz Neues! Vergesst nicht, ich spreche vom Jahr 2019, wohlgemerkt.

“Den wenigsten Menschen ist klar, dass eine Sprache, in diesem Fall ein Dialekt, zu sprechen ein klassischer Lernprozess ist, und nicht angeboren”

Afrobayerin

So viel mehr als nur die Farbe meiner Haut

Ich bin so viel mehr als einfach nur meine Hautfarbe: Ich bin Feministin. Ich bin Träumerin. Ich bin Rebellin. Ich bin Aktivistin. Ich bin Haarenthiusiastin und noch viel, viel mehr, und eben auch eine Bayerin. Mein kultureller Background ist wichtig. Er macht einen großen Teil meines Ichs aus, aber eben nicht nur der Schwarze Aspekt gehört zu mir. Der bayerische ist mindestens ebenso wichtig, denn er hat mich zu gleichen Teilen geprägt. Im deutschen Süden definiert man sich stark über Brauchtum, Kultur und alles was damit einhergeht. Aber warum ist es für uns als WOC so wichtig sich mit seiner Kultur zu beschäftigen? Und inwieweit kann uns dieses Thema persönlich weiterhelfen? Wie kann man eine allgemeingültige/universelle Message für POC aber vor allem für WOC aus dieser Thematik ziehen? Wie kann sie uns stärken und wie kann uns das Wissen über unsere Kultur als Empowerment dienen?

Afrodeutsche tragen meist zwei Kulturen in sich

Kultur kann einem selbst viel geben. Sie kann zur persönlichen Weiterentwicklung, zum Selbstwertgefühl und zur Identitätsfindung beitragen. Kurz, sie kann helfen sich selbst zu finden.

“Nicht umsonst sagt man, dass ein Mensch, der seine Herkunft nicht kennt, ein entwurzelter Baum ist.” 

Afrodeutsche tragen meist zwei Kulturen in sich, die sie früher oder später, in den meisten Fällen, vereinen möchten. Für mich war diese Entwicklungsstufe in meiner Identitätsfindungsphase sehr wichtig, denn nur so konnte ich zu der Person werden, die zwei Kulturen in sich vereint, die ich sein wollte und heute bin. Zu wissen wer ich bin, um wie ich mich selbst einordnen kann, hat mir geholfen einen stabilen Stand zu haben: Ich weiß, wo ich herkomme (aus Bayern und aus den USA, und das ist kein Widerspruch für mich), ich weiß wer ich bin (eine Afrodeutsche/Afrobayerin, und das ist auch kein Widerspruch) und wo meine Wurzeln liegen. Identität ist eine sehr persönliche Sache, die man mit sich alleine ausmacht.

Afrobayerin

Sophia im Dirndl. Bild von Sophia

“Ich habe gelernt, meine eigene Wahrheit zu erschaffen. Ich habe gelernt, dass ich mich nicht selbst in vorgefertigte Schubladen stecken muss.

Dass ich nicht das Bild erfüllen muss, das meine Umwelt gerne in mir sehen oder von mir sehen möchte. Genauso wie ich Black Music höre, kann ich Hard Rock, Klassik oder auch Metal hören. Diese Dinge sind nur Mosaikteile meiner Persönlichkeit, aber beschreiben mich noch lange nicht als Person. Ich habe gelernt, dass es gut ist, sogar gesund sein kann, Grenzen, die einem von der Gesellschaft, bewusst oder unbewusst, auferlegt werden, zu sprengen. Denn nur so ist Fortschritt in der Gesellschaft möglich. Und nur so können wir uns und unserer Community Gehör verschaffen.

“Ich kann mich auch als Afrobayerin oder Südstaatlerin bezeichnen”

Wenn man nun impliziter werden möchte, dann könnte man mich als Afrobayerin bezeichnen. Ich kann mich, wenn man es genau nimmt, durchaus als Südstaatlerin bezeichnen. Beide Eltern aus dem Süden ihres jeweiligen Herkunftslandes. Die Mutter aus dem deutschen Süden, also Bayern, der Vater Afroamerikaner, ursprünglich aus dem Süden der USA. Ich kann nicht behaupten, dass diese kulturelle Kombi jemals Grund für mich war, eine ernsthafte Identitätskrise zu haben. Dennoch habe ich mir viele Gedanken gemacht, wer ich eigentlich bin. Das ist ja grundsätzlich eine Frage, mit der sich Menschen schon immer beschäftigen: Wer sind wir und wo gehen wir hin? Was ist der Grund für unsere Existenz?

Unterbewusst nimmt man wahr, dass man “anders” ist

Wenn man in einem Umfeld aufwächst, dass primär kulturell homogenen ist, das heißt wenn viele Leute lediglich ein Herkunftsland haben, stolpert man gezwungenermaßen immer wieder über die Frage der Identität und Zuordnung. Da reichen schon Fragen wie: „Wie ist dieses und jenes in den USA?“ Versteht mich nicht falsch, ich begrüße Interesse an anderen Kulturen und Ländern. Aber gleichzeitig nimmt man unterbewusst immer wahr, dass man „anders“ ist als die meisten anderen. Deutschland ist kein klassisches „Meltingpot Country“, ein Schmelztiegel von Kulturen, wie die USA es sind. Die Frage nach der Herkunft ist hier eine andere. Und sie fängt an bei, dass Features wie die Hautfarbe, Akzent etc. als Implikatoren für „nicht-deutsch“-Sein als Anhaltspunkt verwendet werden.

“Deutsche Südstaatler*innen sind den afroamerikanischen nicht unähnlich”

Der Glaube an sich selbst

Die Identitätsfindung wurde mir durch meine Eltern und Großeltern einfach gemacht. Der tief verwurzelte Glaube an sich selbst und die eigene Identität, wurde mir auch so vorgelebt. Sie haben mir sozusagen starke Wurzeln mitgegeben und mich fest in die Erde gepflanzt. Das kommt nicht von ungefähr. Mein Vater ist in den 1960er im  Süden der USA aufgewachsen. Stichwort Bürgerrechtsbewegung und aller Unruhen, die damit einhergingen. Es waren also gewaltvolle Jahre, voll von Rassismus und Brutalität. Mein Vater sagt immer zu mir, dass man in einer derart aufgeheizten Stimmung lernt, an sich selbst zu glaube, es muss, um seelisch zu überleben.

Die deutschen Südstaatler*innen sind den afroamerikanischen nicht unähnlich. Die Bayern sind wahre Anarchisten, die sich immer wieder gegen die Obrigkeit auflehnen, das ist heute auch noch so und hat historische Gründe. Sicher, beide Südstaaten haben jeweils andere Gründe, aber es sind trotzdem einige Parallelen zu erkennen. Man begehrt in Bayern gerne auf und schießt quer. Man möchte alles etwas anders machen und sich dadurch absondern. Das Aufbegehren ist also in beiden Kulturen fest verankert und gehört fast schon zum guten Ton.

Was habe ich also gelernt hier im Süden der Bundesrepublik? Welches Fazit kann ich für mich daraus ziehen?

Ich lass mir mein Bayerisch-Sein von niemanden absprechen, da ich tatsächlich eine genetische Bayerin bin, wenn man das so sagen kann, die in diesem Umfeld sozialisiert und erzogen wurde. Wahrscheinlich spreche ich besseres Bayerisch als alle meine aus Bayern stammenden Bekannten und Freunde/innen, die aufgrund ihrer weißen Hautfarbe nie als Bayern in Frage gestellt werden und teilweise nicht mal welche sind. Ich kann es nicht einmal verstecken, da ich, wie mir schon des öfteren von Deutschen aus anderen Teilen dieses Landes diagnostiziert wurde, das „R“ scheinbar auf eine sehr „bayerische“ Art und Weise, rolle. Ich habe gelernt, dass mir nichts und niemand auf dieser Welt meine Identität absprechen kann, solange ich weiß, wer ich bin, wo ich herkomme und wo ich hin möchte. Own it!

Mach deine Kultur so sehr zu deiner Kultur, dass du fest in ihr verankert bist.”

Brauchtümer verändern sich

Informiere dich, identifiziere dich, lerne immer dazu. Menschen, die das Gefühl haben, sie müssen ihre Kultur von äußeren, vermeintlich schädlichen Einflüssen bewahren, haben das Konzept und den Hintergrund von Kultur nicht verstanden. Kultur hat sich entwickelt und wird sich als gelebtes Konzept weiterentwickeln. Sie ist niemals starr. Kultur fällt nicht einfach so vom Himmel. Kultur wird nicht über die Hautfarbe gelesen, sondern besteht aus Brauchtümern, die Kultur erst zu einer machen.

Brauchtümer wiederum verändern sich, nehmen, der jeweiligen Zeitströmung entsprechend, Neuheiten auf, die in das Brauchtum eingegliedert werden. Somit hast auch du, als Teil der POC-Community, die Möglichkeit und auch das Recht auf deine Kultur Einfluss zu haben und diese mitzugestalten.

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