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Depression mit Joy: Die Zwickmühle des Privilegs

“Keine andere Frau muss sich optisch so stark verändern, um den westlichen Schönheitsidealen zu entsprechen, wie die Schwarze Frau. Von Haut bis Haar. Das kann ordentlich ins Geld gehen.” Depressionen können durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden. Entwicklungs- und Persönlichkeitsfaktoren, genetische Veranlagung, neurobiologische Störungen, traumatische Ereignisse und belastende Lebensumstände. Doch Alltagsrassismus ist ein Stressfaktor, der in der klassischen Psychotherapie kaum berücksichtigt wird. Viel zu selten wird darüber gesprochen, dass auch Rassismuserfahrungen traumatisch sein können. In den Vereinigten Staaten sind Schwarze Frauen bis heute jene, die am meisten unter Depressionen leiden, aber am wenigsten Hilfe in Anspruch nehmen können. Mit diesem Stigma möchten wir brechen.

Strategisch überleben

Ich bin mit sehr wenig Geld aufgewachsen. Meine Eltern waren Gebrauchtwagenhändler*innen und das bedeutete, wir hatten nie ein geregeltes Einkommen. Es gab Phasen, die ganz gut liefen und Phasen, die katastrophal waren. Ab meinem fünften Lebensjahr wohnten wir in einem Haus, das eine konstante Baustelle war, etwas außerhalb von Wien. Wir heizten das Haus mit einem Holzofen und gratis Restholz, Bastelholz, Altholz, Verpackungsholz – die volle Holzpalette. Man kann es als umweltfreundliche Alternative zum Heizen mit Gas oder Strom sehen, doch Holzöfen sind auch sehr gesundheitsschädlich, denn der Feinstaub, der beim Verbrennen in die Lunge gelangt, kann sogar tödliche Folgen haben. Als mich meine Hausärztin bei einem Atmungstest einmal fragte, ob ich rauchte, obwohl ich Nichtraucherin bin, begann ich mir ernsthafte Sorgen zu machen. Für meine Familie war es vor allem eine billigere Alternative. Ich kann mich an Wochen erinnern, in denen der Kühlschrank leer war und wir lediglich zehn Euro übrig hatten, um als neunköpfige Familie über die Runden zu kommen. In meinen ersten fünf Lebensjahren wohnten wir noch in Favoriten, dem 10. Bezirk von Wien, der als typischer „Immigrant*innenenbezirk“ gilt. Doch wir wurden von unseren Nachbar*innen hinausgeworfen, weil wir ihnen zu laut waren und ihnen das nigerianische Essen zu stark roch. Ich musste mir über meine gesamte Schullaufbahn hinweg anhören, wie sich meine weißen Schulkolleg*innen und manchmal sogar Freund*innen, über diesen Bezirk beschwerten und lustig machten. Ausländer*innen- und N****witze hat es in meinem Schulumfeld immer gegeben und sogar zu Hause machten wir uns manchmal über unser eigenes Schwarzsein lustig. Überlebensstrategie? Oder ein gesunder Sinn für Humor? Mit achtzehn Jahren änderte sich mein Leben abrupt als mein weißer Großvater mütterlicherseits an Krebs verstarb und uns ein Erbe hinterließ. 

Let’s talk about money!

Jahrelang habe ich in großer Armut gelebt und als ich endlich die finanziellen Mittel zur Verfügung hatte, um mir eine Therapie leisten zu können, bremste mich ein ungeheures Schuldgefühl. Dass meine Depression mit so starken physischen Schmerzen verbunden war, hat mit höchster Wahrscheinlichkeit damit zu tun, dass mein Körper große Überzeugungsarbeit leisten musste, damit ich auch tatsächlich die notwendigen Schritte einleitete. Vielleicht hätte ich mir sonst ewig eingeredet, dass ich gar keine Therapie benötigte, oder gar verdiente. Denn es gäbe doch Menschen mit noch viel größeren Problemen, die nicht einmal das Privileg eines großväterlichen Erbes haben. Eines der zentralen Themen zu Beginn meiner Therapie war deshalb Geld. Wir sprachen über Geld und zwar ganz anders als ich bislang über Geld gesprochen hatte. Ich hatte mir nie noch nie zuvor so tiefgründig über die emotionale Rolle des Geldes in meinem Leben Gedanken gemacht. Aufgrund der Armut, in der ich aufgewachsen bin, hatte ich eine sehr negative Einstellung zu Geld entwickelt. Für mich war Geld zwar notwendig, aber auch böse. Schuld an Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf dieser Welt. Was ich durch meine Therapie lernte, ist, dass Geld nicht gleich Kapitalismus ist. Geld ist auch nicht gleich Rassismus oder Sexismus, obwohl Schwarze Frauen auf institutioneller Ebene vor allem finanziell unterdrückt werden, indem sie weitaus mehr Barrieren überwinden müssen, um Zugang zu Ressourcen und Machtpositionen zu erlangen. Geld ist ein Mittel zum Zweck und auch in einer Welt ohne Kapitalismus und große ökonomische Ungleichheiten würde es höchstwahrscheinlich noch Geld geben. 

Das bedeutet aber auch, dass mit allem Geld der Welt, Rassismus und Sexismus nicht einfach so weggehen, wenn nicht zugleich institutionelle Barrieren durchbrochen werden. 

Denn es geht um historisch gewachsene Strukturen, die eng mit dem Kapitalismus verstrickt sind, aber auch ohne ihn existieren und sogar die reichste Schwarze Frau der Welt treffen können. Dass unsere weißen österreichischen Nachbar*innen die Macht hatten uns aus unserer Wohnung im 10. Bezirk hinauszuwerfen, obwohl sie nicht sehr viel mehr Geld hatten als wir, zeigt, dass Armut Schwarze Menschen anders trifft. Durch die Gespräche mit meiner Schwarzen Therapeutin erkannte ich, dass es an der Zeit war, eine pragmatischere Beziehung zu Geld zu entwickeln und die emotionalen Wunden zu heilen, die das Aufwachsen in Armut als Schwarze Frau in mir verursacht hat.

Armut ist hartnäckig…

Ich weiß, was es bedeutet als Familie ein leeres Bankkonto zu haben, aber auch eines bei dem man sich im Alltag keine allzu großen Sorgen mehr machen muss, bei dem es nicht mehr nur ums Überleben geht. Arme Menschen sparen. Reiche Menschen investieren. So heißt es zumindest. Doch ein volles Bankkonto bedeutet nicht sofort, dass man von heute auf morgen weiß, wie man das Geld am besten zu investieren hat. Durch die plötzliche Veränderung unserer finanziellen Lage haben sich zwar neue Möglichkeiten eröffnet, doch mit ihnen gingen auch neue Herausforderungen einher. Das geerbte Geld war ein Segen, aber nicht unbedingt eine Freude. Bei meinem Vater löste das Geld, beziehungsweise der Verlust eines Teils des Geldes, sogar große Depressionen aus, die sicherlich auch in meiner Depression mitschwingen. Ich hatte meinen Vater noch nie zuvor so verletzlich, aber zugleich auch verbittert gesehen. Er selbst war in Nigeria unter sehr armen und schwierigen Umständen aufgewachsen. Ich erkannte, dass es alles andere als einfach ist aus diesem Armutskreislauf auszubrechen, sogar wenn man die Erblotterie gewinnt. 

Der Ausstieg aus der Armut ist ein sehr unsicheres Gewässer. Sobald man in sein Fahrwasser gerät, kann man schnell mal von einer Strömung mitgerissen werden. Denn Geld gibt sich ja bekanntlich leichter aus, als es sich verdient.

Als ich nach Spanien kam, hatte ich die Armut ökonomisch zwar schon überwunden, aber psychologisch noch nicht. Meine Einstellung war möglichst wenig auszugeben und möglichst viel zu sparen. Kleine Freuden, aber keine teuren Sünden. Ich suchte deshalb nach der allerbilligsten Unterkunft in ganz Valencia, eine Stadt, die ich mir auch deshalb ausgesucht hatte, weil sie verglichen mit Barcelona und Madrid die Billigste ist. Ich wohnte in einem günstigen Standrandhaus mit drei weiteren Personen und überließ mein Zimmer einer Flüchtlingsfamilie aus Georgien. Als ich mit meiner Therapeutin darüber sprach wie hart das Aufwachsen auf einer Baustelle für mich war und sie mich fragte unter welchen Umständen ich denn jetzt wohnte, musste ich schwer schlucken und mich später sogar übergeben. Schmerzhaft musste ich feststellen, dass ich mich bei aller Liebe und aus Gewohnheit, selbst vergessen hatte. 

Materielle Selbstliebe

In Armut aufzuwachsen bedeutete für mich, dass ich lernen musste meine Liebe zu mir selbst zu kultivieren, ohne dafür auf Geld angewiesen zu sein. Grundsätzlich eine lobenswerte Sache, aber auch tückisch. Sehr oft, wenn ich etwas wollte, aber wir es uns nicht leisten konnten, sagte mir mein Vater: „Sei nicht so materialistisch!“ Das war wohl sein Ausweichmanöver, vielleicht aber auch seine Grundeinstellung, die ich unbewusst auf meiner Selbstwertfestplatte eingespeichert habe. Doch materielle Dinge zu benötigen und sogar zu wollen, ist nur menschlich. Kein Mensch lebt von Luft und Liebe allein. In den meisten Fällen braucht man auch noch Wasser, Nahrung, ein Dach über dem Kopf und warme Winterkleidung, zumindest wenn man in Österreich lebt. Den ein oder anderen Luxus sollte man sich auch leisten dürfen, wenn man sich damit ein Zeichen der Selbstliebe setzt. In der Therapie lernte ich, dass es verschiedene Arten der Selbstliebe gibt. Eine Art sich selbst zu lieben, ist sich selbst bedingungslos zu lieben. Eine andere Art, ist sich selbst herauszufordern. Eine weitere Art, ist sich selbst zu verwöhnen. All diese Formen der Selbstliebe können und sollten koexistieren dürfen.

Dank der Therapie lernte ich mich selbst zu fragen: „Liebe ich mich selbst nur durch meine Worte oder auch durch meine Handlungen?“

Vor allem als Schwarze Frau ist es nicht immer so leicht mit der Selbstliebe, obwohl ich sehr stark hoffe, dass es nachfolgende Generationen immer leichter haben werden. Von klein auf wurde mir von allen Seiten das Gefühl vermittelt, hässlich zu sein, sodass die aufbauenden Worte meiner Mutter, einer Freundin oder einer Fremden, schon gar nicht mehr zu mir durch drangen. Ich spürte einen großen Druck mich selbst lieben zu müssen, aber nicht immer ein volles Verständnis dafür wie schwierig es ist, sich als Schwarzes Mädchen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft selbst zu lieben. Keine andere Frau muss sich optisch so stark verändern, um den westlichen Schönheitsidealen zu entsprechen, wie die Schwarze Frau. Von Haut bis Haar. Das kann ordentlich ins Geld gehen. Materielle Selbstliebe sollte deshalb nicht mit kapitalistischem Selbstoptimierungsdruck verwechselt werden, der mithilfe von Rassismus und Sexismus zielgruppengerecht an Schwarze Frauen vermarktet wird. Letzterer schwindet zum Glück im Heilungsprozess, während die Selbstliebe wächst und wächst. 

Privileg im Nichtprivileg

Ich bin eine Schwarze Frau, die einen weißen Familienteil hat und einen wohlhabenden weißen Großvater hatte. Ich bin aber auch eine Schwarze Frau, die in Armut aufgewachsen ist. Eine Armut, die auch weiße Menschen treffen kann, aber nicht auf dieselbe Art, weil nicht derselbe Generalverdacht auf Armut besteht, weil Rassismus den Alltag und das Berufsleben nicht noch zusätzlich erschweren. Für Schwarze Menschen mit lightskin privilege, die zwischen diesen beiden Welten aufwachsen, ist es oft gar nicht so einfach, wie sich das manche vorstellen. 

Es ist sehr schwierig privilegiert zu sein, wenn man gleichzeitig genau weiß, was es bedeutet nicht privilegiert zu sein, weil man zugleich beides ist.

Man weiß als Schwarze Frau mit einem weißen Elternteil oft gar nicht, wofür man sich einsetzen darf, wie man sich überhaupt bezeichnen darf. Man merkt, dass man bei vielen Menschen unangenehme Gefühle auslöst. Das ist eine psychisch sehr belastende und herausfordernde Situation. Es ist ein „Privileg im Nichtprivileg“, wie meine Schwarze Therapeutin es aus eigener Erfahrung benennt. 

Wichtigste Erkenntnis: Fühl dich nicht schuldig!

In Europa aufzuwachsen, während man Wurzeln in Afrika hat, kann eine emotionale Achterbahnfahrt sein. Hin und wieder, mit der Zeit immer mehr, sollte man diese Achterbahn auch einfach genießen dürfen. Kein Mensch sucht sich den Geburtsort aus. Man sollte seine Wunden heilen dürfen, auf sich selbst schauen dürfen. Man sollte sich nicht dafür schämen müssen was man nicht hat und zugleich auch nicht schuldig fühlen, für das was man hat. Man sollte nach mehr streben dürfen. Man sollte über sich hinauswachsen dürfen. Ich bin sehr froh, dass mir diese Erkenntnis geholfen hat eine eigene Wohnung ganz nah am Strand in Valencia zu finden. Ich habe gelernt meine Privilegien zu nutzen, aber auch differenziert zu sehen. Therapie kostet Geld, aber Geld allein heilt einen Menschen nicht. Sogar Therapie allein heilt einen Menschen nicht. Für mich ist Heilung ein Schritt in die Vergangenheit und zwei Schritte in die Zukunft, aber auch das Verständnis, dass das Leben einen immer zurückwerfen kann, dass man immer wieder in eine Depression verfallen kann und sich trotzdem lernt bedingungslos, herausfordernd und verwöhnend zu lieben. 

Joy Apata

Joy

Joy Apata (23), eine gebürtige Wienerin mit österreichischen (teils auch niederländischen) und nigerianischen Wurzeln, hat einen unkonventionellen Therapieweg eingeschlagen. Anstatt klassisch auf der Therapeutencouch und in der eigenen Muttersprache, hat sie während ihres Auslandssemesters in Spanien eine Therapeutin gefunden, mit der sie über Skype, WhatsApp oder Telefon auf Spanisch spricht, bei der sie aber auch manchmal am Boden mit Polstern und Kerzenlicht im Wohnzimmer sitzt. Momentan lebt sie auf der sonnigen iberischen Halbinsel, um trotz und mit ihrer Depression zu ihrem wahren Kern, ihrer inneren „Joy“ zurückzufinden. Welche Erfahrungen sie dorthin geführt haben und welche Erkenntnisse sie dabei macht, erzählt sie uns in ihrer Kolumne „Depression mit Joy“.

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