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Depression mit Joy: Kein Richtig oder Falsch

Das Leben mit Depression, genau darüber schreibt Joy in ihrer Kolumne “Depression mit Joy”:

Dass ich eine Schwarze Frau bin, lässt sich einfach nicht von meiner Depression trennen,” so Joy. Depressionen können durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden. Entwicklungs- und Persönlichkeitsfaktoren, genetische Veranlagung, neurobiologische Störungen, traumatische Ereignisse und belastende Lebensumstände. Doch Alltagsrassismus ist ein Stressfaktor, der in der klassischen Psychotherapie kaum berücksichtigt wird. Viel zu selten wird darüber gesprochen, dass auch Rassismuserfahrungen traumatisch sein können. In den Vereinigten Staaten sind Schwarze Frauen bis heute jene, die am meisten unter Depressionen leiden, aber am wenigsten Hilfe in Anspruch nehmen können. Mit diesem Stigma möchten wir brechen.

Erste Anzeichen: Weiß, um jeden Preis!

In meiner Kindheit wollte ich unbedingt weiß sein. Ich wollte blaugrüne Augen und glatte Haare, um jeden Preis. Ohne über die entsprechenden Mittel zu verfügen, versuchte ich mir manchmal mit Vaseline, manchmal mit dem ausgemisteten Lockenstab einer Bekannten und in einem äußerst verzweifelten Versuch, mit unserem Bügeleisen, die Haare zu glätten. Meine Eltern erlaubten mir nicht, dass ich mir meine Haare chemisch glätte. Heute bin ich ihnen dafür sehr dankbar, denn heute weiß ich wie schädlich das für die Gesundheit und auch das Selbstbild sein kann, doch damals war es für mich eine Qual. Ich musste mit dieser ständigen Unmöglichkeit leben. Dass ich unbedingt weiß sein wollte, so aussehen wollte wie die Kinder im Kindergarten und in der Schule, so aussehen wollte wie die Prinzessinnen in den Büchern und Filmen, aber es nie würde, nicht einmal annähernd. Ich bin in einer sehr großen Familie aufgewachsen mit fünf kleinen Schwestern und einem großen Bruder.  Ich bin froh darüber eine sehr innige Beziehung zu meinem großen Bruder zu haben, er ist einer der wichtigsten Bezugspersonen in meinem Leben, jemand der mich bedingungslos unterstützt, doch als Kind hatte auch er die weißen Schönheitsideale der Gesellschaft übernommen und sagte etwa zu mir: „Ich bin mir sicher, wenn du erwachsen bist, wirst du dir deine Haare auch glätten.“ Da ich die älteste Tochter bin, hatte ich als Kind leider keine große Schwester, mit ungefähr meinen Naturlocken und meinem Teint, zu der ich bewundernd aufschauen konnte, und da ich eben eine Mischung der beiden bin, konnte ich mich auch weder so recht in meiner Mutter noch in meinem Vater sehen, nur teilweise.

 „Wir hätten einfach mehr Vorbilder gebraucht.“

Auf die Welt zu kommen und von der Gesellschaft unmittelbar vermittelt zu bekommen, dass die eigenen Attribute nicht nur anders, sondern minderwertig sind, ist psychisch sehr belastend. Manchmal wundere ich mich, wie allgegenwärtig diese Botschaft in meinem Umfeld gewesen sein muss, dass ich davon schon unbewusst etwas mitbekommen habe, bevor ich überhaupt lesen oder schreiben konnte. Schon als ich Stifte zum malen verwendete und vielleicht gerade mal meinen Namen und „Mama“ schreiben konnte, malte ich mich lieber in der Farbe „#hautfarbe“, also eigentlich rosa, als in meiner eigentlichen Hautfarbe, nämlich braun. Mit meinen Geschwistern spielte ich, ein von uns erfundenes, Fantasiespiel, dass wir „Die Vier Auserwählten“ nannten. Wir konnten die vier Elemente bändigen und damit gegen mächtige, unsichtbare Bösewichte in unserem Garten und auf der Straße ankämpfen. Mit der Zeit erfanden wir immer mehr Elemente dazu und entdeckten immer neue Zauberkräfte, die wir allerdings nicht so nannten. Als wir zum ersten Mal den Cartoon „Avatar“ im Fernsehen anschauten, waren wir sehr traurig, denn jemand hatte anscheinend unsere Idee gestohlen, bevor wir selbst ein tolles Buch oder einen Film daraus machen konnten. Wovon wir uns allerdings nicht aufhalten ließen, fantasievoll weiter zu spielen. Unsere Version war einfach cooler. Wir bastelten auch „Die Vier Auserwählten“-Spielkarten, für regnerische und faule Tage, wo wir nicht draußen, sondern einfach gemütlich in unseren Zimmern spielen wollten. Was uns damals wie das natürlichste auf der Welt vorkam, aber von dem ich jetzt im Rückblick verstehe, wie verkehrt es eigentlich war, ist dass wir alle unsere Figuren, also indirekt uns selbst, lieber weiß zeichnen wollten.

Wir hatten alle so viel Fantasie, aber konnten uns nicht als die Helden und Heldinnen unseres eigenen Spiels vorstellen, nicht so wie wir wirklich aussahen. Trotz Fantasie, hätten wir einfach mehr Vorbilder gebraucht.

Heilung bedeutet „back to the roots“

In der stärksten Phase meiner Depression, vor ungefähr zehn Monaten, noch bevor ich mit meiner Therapie begann, fing ich schon an, auf meine Kindheit zurückzublicken, auf der Suche nach Antworten für meinen Schmerz und meine Trauer. Ich begann zu verstehen, dass meine Eltern nie wirklich verstanden haben, was es bedeutet in einer Gesellschaft aufzuwachsen, in der kaum jemand so ausschaut wie man selbst, weil keiner der beiden diese Erfahrung gemacht hat. Sie verstanden auch nicht, dass es etwas war, das sie verstehen sollten, oder zumindest versuchen sollten zu verstehen, damit sie mich seelisch besser unterstützen können. Denn auch wenn sie keinerlei Kontrolle darüber hatten, was mir auf dem Schulweg und in der Schule passiert, was andere Kinder und Erwachsene zu mir sagen, wie ich in der Gesellschaft wahrgenommen und behandelt werde, so hätten sie mir doch zu Hause ein kleines Refugium schaffen können, mit diversen Schwarzen Vorbildern. Was ich mir als Kind sehnlichst gewünscht hätte, aber erst viel später verstand und fand, waren Bücher, in denen es auch Schwarze Protagonisten und Protagonistinnen gab. Bücher, die auch von Schwarzen Menschen geschrieben wurden. Bücher aus Afrika und nicht nur Bücher über Afrika.

Das Trauma der „abnormalen“ Haare…

Ein weiterer Kinderwunsch späterer Jahre ist, dass sich meine weiße Mutter mehr Wissen über meine afrikanischen Haare angeeignet hätte, denn es war sehr schmerzhaft, dass sie jahrelang meine Haare trocken bürstete und ich keine Spülung verwenden durfte. Das war auch seelisch schmerzhaft, denn wenn das „normale“ Shampoo meine Haare so austrocknete, dann war ich wohl alles andere als „normal“.

Erst später sollte ich lernen, dass „normal“ eigentlich nur ein Codewort für „weiß“ ist, aber das wusste ich als Kind alles nicht, doch dieses Wissen hätte bestimmt geholfen. 

Meine Mutter ist ein sehr fürsorglicher und liebevoller Mensch, doch auch wenn sie mir immer wieder sagte, dass sie meine Haare wunderschön und besonders findet, waren sie doch „schwierig“. Ich hätte mir deshalb oft, während sie verzweifelt meine Haare von Knoten befreite und ich meine Tränen zurückhielt, doch lieber pflegeleichte glatte und nicht „besondere“ lockige Haare gewünscht. Heute weiß ich, dass meine Afrohaare mit dem richtigen Umgang auch sehr leicht zu pflegen sind, doch damals hatte ich dieses selbsterlernte Wissen noch nicht. Oft wusste ich nicht, was ich mit ihnen anfangen sollte, dabei gibt es so viele zauberhafte Frisuren und in der Schule wurde ich oft für meine Haare verspottet.

Erste Erkenntnis: Trau dich vorwurfsvoll zu sein!

Mittlerweile kann ich darüber sprechen ohne dass sich in mir sofort das verletzte und vorwurfsvolle Kind zu Wort meldet, das aber auch nur, weil ich diesem Kind im Zuge meiner Therapie endlich die Möglichkeit gegeben habe, sich zu Wort zu melden, vorwurfsvoll zu sein und sich auszuheulen. Auch wenn es sich in dem Moment vielleicht kindisch anfühlt, ist es manchmal einfach wichtig, mal so richtig vorwurfsvoll zu sein. Für mich war es ein wichtiger erster Schritt in meinem Heilungsprozess, denn die Gefahr ist sonst, dass man alle Vorwürfe nur gegen sich selbst richtet. Mittlerweile ist es auch kein Vorwurf mehr, sondern mehr ein Verständnis. Dafür, was ich als Kind benötigt hätte und warum diese Erfahrungen so tiefe Wunden in mir hinterlassen haben. Ich glaube nicht, dass jeder Mensch diese Phase des Vorwurfes braucht, um Vergangenes zu verarbeiten, aber ich denke, dass man sich auf jeden Fall nicht dafür schämen sollte, denn es ist nur menschlich sich manchmal so zu fühlen.

Vielleicht bedeutet Depression, dass man jahrelang Gefühle unterdrückt hat, die endlich die Möglichkeit brauchen, ausgedrückt zu werden.

Das bedeutet nicht, dass man sofort seine Eltern anrufen und ihnen tausend Vorwürfe machen sollte, aber ihnen vielleicht zunächst symbolisch einen Brief schreibt. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann wird es diese Konfrontation auch geben. Manchmal können im Streit sehr verletzende Dinge gesagt werden, aber wenn man immer davor zurückschreckt sich zu streiten, dann erlaubt man sich möglicherweise gar nicht auszudrücken, wie man sich wirklich fühlt. Denn, dass andere sich angegriffen fühlen, wenn man ihnen sagt, wo sie einen enttäuscht haben, ist auch nur menschlich. Wichtig ist nur, dass es ein gewisses Grundvertrauen braucht.

Wichtigste Erkenntnis: Es gibt kein Richtig oder Falsch!

Ich bin ein Mensch wie alle anderen auch, aber ich bin auch eine Schwarze Frau. Dass ich eine Schwarze Frau bin, lässt sich einfach nicht von meiner Depression trennen, auch wenn ich Erfahrungen gemacht habe, die nicht nur Schwarze Frauen machen. Das habe ich im Laufe meiner Therapie mit einer Therapeutin, die selbst auch Schwarz ist, sehr schnell realisiert, denn bevor wir überhaupt über jegliche andere Form von Trauma sprechen konnten, die ich erlebt habe, mussten wir doch erst über Rassismus sprechen. Ich hätte mir als Kind niemals gedacht, dass ich eines Tages eine Depression entwickeln würde, obwohl ich schon damals die ersten Anzeichen einer Depression hatte. Schon damals hatte ich Suizidgedanken, doch mein ganzes Leben lang wurde mir mein Schmerz kleingeredet.

Rassismus war nie Rassismus, sondern immer nur „Mobbing“ oder „ein Missverständnis“. 

Alltagsrassismus hat einen hohen Preis auf die Psyche und in meinem Fall sogar auf meinen Körper. Einer der wichtigsten Lektionen, die ich von meiner Therapeutin gelernt habe, ist, dass mir niemand meine Gefühle und Erfahrungen absprechen kann. Niemand kann mir meinen Schmerz, meine Wut, meine Trauer, meine Depression absprechen. Niemand kann mir meine Erfahrungen mit Rassismus oder Sexismus absprechen, denn die stehen nicht zur Debatte, vor allem nicht in der Therapie. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Was es aber gibt, ist meine Geschichte.

COMMENTS
  • Nathalie

    REPLY

    Vielleicht eine gute Adresse zu diesen Themen: https://www.drjennifermullan.com/area-of-expertise

    13. January 2020
  • Nathalie

    REPLY

    Und auch ganz wichtig:
    https://so-gesund.com/gesundheitsschaedlicher-rassismus/
    “ Sie habend die virtuelle Online-Plattform MyUrbanology.de gegründet und wurden für den Health-i Award von dem Handelsblatt und der Techniker-Krankenkasse nominiert.
    Genau. Meine Mitgründerin Alina Hodzode und ich haben mit MyUrbanology.de eine Onlineplattform ins Leben gerufen mit dem Ziel, Vorbilder, psychosoziale Angebote und Vernetzungsmöglichkeiten sichtbarer zu machen. Dabei haben wir uns zunächst an den Menschen, Wohlfühlorten und Angeboten orientiert, die uns als Schwarze deutsche Frauen selbst ansprechen und uns stärken.”

    13. January 2020
  • Joyce

    REPLY

    Danke fürs Teilen Joy!!!toller Artikel!! Ich bin auch in Wien aufgewachsen und kann mich sehr gut in deine Geschichte rein versetzen. Würde mich gerne mit dir vernetzen. Ich plane gerade eine Veranstaltung namens “Black Healing Circle”. LG Joyce PS falls du Lust dich zu vernetzen meine Mail lautet joyfasi@gmail.com

    13. January 2020
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