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    albertina

    “Deutschsein und Schwarzsein grenzt sich nicht aus, Tina”

    Fotocredit: Nhi Hoang

    Im Gespräch mit meinem 15-Jährigen Ich

    Ich laufe an einem kleinen Park vorbei, während ich „Truth Hurts“ von Lizzo auf meinem Handy höre. Dort spielen einige Kinder miteinander. Sie lachen, bewerfen sich mit Dreck oder sitzen auf einer Wippe. Ich lächle. Es ist so lange her, dass ich Kinder auf einem Spielplatz habe spielen sehen. Während ich weiterlaufe, sehe ich eine Gruppe von weiblich gelesenen Jugendlichen am Eck stehen. Sie sind laut, lachen sehr viel und sprechen eine Mischung aus Deutsch, Englisch und Lingala. Ich bleibe stehen und beobachte diese Gruppe. Sie haben bunte Outfits an, manche tragen Braids andere Weaves. Während ich die Mädchen scanne, fällt mir ein Mädchen ganz besonders auf. Sie steht etwas abseits von der Schwarzen Mädchengruppe. Sie lächelt immer wieder, wenn die anderen was sagen. Aber sie traut sich nie wirklich mitzureden. Ich höre raus, wie ein Mädchen zu ihr sagt: „Du musst Lingala sprechen lernen!“ Ihr Blick senkt sich und sie atmet tief aus. Sie sieht auf ihr Handy und verabschiedet sich hastig von allen ihren Freundinnen, nach dem sie jeder einzelnen Küsse auf ihre Wangen gegeben hat. Sie läuft auf mich zu, aber ihr Blick ist gesenkt. Sie sieht immer zu Boden. Für eine Millisekunde, kurz bevor sie an mir vorbeilaufen kann, hebt sie ihren Blick und bleibt dann wie festgefroren stehen. Ich lächle und trete näher an sie heran. „Hallo Tina“, grüße ich sie.

    „Tina, du weißt, dass du Schwarz bist, oder?“

    „Hallo“, bringt sie mir stotternd entgegen. „Es tut mir leid, dass ich so komisch gucke. Aber Sie sehen genauso aus wie ich. Nur älter“, sagt sie sehr verblüfft.
    „Naja, ich bin du. Bloß älter“, lache ich ihr entgegen und nehme sie in den Arm. Sie umarmt mich direkt zurück. Es ist schön sie zu sehen.
    „Ich möchte mir dir reden Tina. Ich will, dass du ein paar Dinge verstehst, damit es später für dich leichter wird. Ich will dir helfen, mehr du selbst zu sein. Ist das okay für dich?“
    Sie sieht mich verwirrt an, aber nickt mir zu.
    Ich führe sie zu einer Bank, auf die wir uns beide setzen. Ich atme tief aus, bevor ich das Sprechen beginne:
    „Tina, du weißt, dass du Schwarz bist, oder?“
    „Ja klar weiß ich das“, entgegnet sie mir sofort genervt. Sie mag es nicht, wenn man das so betont.
    „Ich frage dich das, weil ich glaube, dass du nicht richtig verstehst, was es bedeutet, Schwarz zu sein.“
    Sie sieht mich noch genervter an. „Was meinst du bitte damit?“
    „Naja, nur weil du Schwarz bist, bedeutet es zum Beispiel nicht, dass du nicht auch deutsch sein kannst. Du bist beides.“
    Ihre Augen werden groß. Das hatte sie nicht erwartet. Wie denn auch? Sie musste sich immer entscheiden.

    albertina

    „Ich bin Ausländerin“

    „Ich weiß, dass du mehr Zeit mit dieser Mädchengruppe verbringst, weil du endlich mal ‚Schwarz‘ sein wolltest. Die meisten aus deiner Schule sind weiß und sagen immer Dinge wie „Du bist bestimmt gut im Basketball spielen“ oder „Du kannst bestimmt richtig gut tanzen. “Das hast du im Blut“ oder „Kannst du afrikanisch sprechen”? Und jetzt hast du dir eine Schwarze Freundesgruppe gesucht und sie sagen dir „Du kannst nicht tanzen. Als Schwarze solltest du tanzen können“ oder sie fragen dich, warum du kein Lingala sprechen kannst. Du schämst dich dafür, dass du kein Lingala sprichst, obwohl Mama und Papa nicht mal aus dem Kongo stammen. Papa hat sich dazu entschieden, Portugiesisch mit dir zu sprechen, obwohl er auch Lingala sprechen kann und in dieser Sprache mit seiner Familie kommuniziert. Mama hat sich dazu entschieden, mit dir auf Portugiesisch zu sprechen, obwohl das nicht mal ihre eigene Erstsprache ist. Kurz gesagt: Dass du kein Lingala sprechen kannst, ist nicht deine Schuld und dafür brauchst du dich auch nicht zu schämen. Egal wer dir andrehen will, dass du es beherrschen solltest.“
    Sie ist ganz still und sieht zu Boden.
    „Sag, was du denkst Tina. Egal was du sagst, ich werde dich verstehen, denn ich bin Du.“
    „Wie kann ich bitteschön deutsch und Schwarz sein? Das macht für mich keinen Sinn.“
    „Naja, wie würdest du dich denn bezeichnen?“
    „Ich bin Ausländerin.“
    „Wieso würdest du das sagen?“
    „Wir sind halt anders als die Deutschen.“
    Ich wende den Blick von ihr ab und sehe zu den Kindern, die miteinander spielen. „Siehst du diesen kleinen Schwarzen Jungen?“ Ich zeige mit den Fingern auf die spielende Gruppe. „Er ist deutsch. Siehst du das Mädchen mit dem Kopftuch? Sie ist auch deutsch. Siehst du den Jungen, der südostasiatische Gesichtszüge hat, der ihnen beiden ein Spiel erklärt? Auch er ist deutsch. Diese Kinder sind hier geboren, aufgewachsen und gehen hier zur Schule. Sie sprechen deutsch miteinander. Und auch wenn sie eine andere Sprache mit ihren Familien zu Hause sprechen, ihre Eltern hierher gezogen sind oder sie eine andere Hautfarbe haben, bedeutet das nicht, dass sie deshalb weniger deutsch sind, als die Kinder, die keine Migrationsgeschichte haben.“
    „Aber niemand wird mich ernstnehmen, wenn ich sagen würde, dass ich Deutsche bin“, schimpft sie. „Ich bin Schwarz. Das passt doch nicht zusammen.“

    „Afrodeutsch“

    „Du kennst doch den Begriff „Afroamerikanerin“, Tina. Es gibt auch den Begriff „Afrodeutsch.“
    Jetzt scheint sie noch verwirrter. „Deutsch sein und Schwarz sein grenzt sich nicht aus, Tina. Niemals. Und du bist auch nie jemanden eine Erklärung schuldig. Wenn du dich deutsch fühlst, dann bist du das. Du musst nicht in eine Schublade passen. Weder für vermeintlich Deutsche noch für andere. Du bist auch nicht weniger Schwarz, nur weil du kein Rap hörst oder eben keine einheimische Sprache wie Lingala sprichst. Du wirst immer Schwarz bleiben und immer Deutsch sein. Das kann dir keiner absprechen. Was du mit diesem Wissen machst, ist deine Entscheidung.“
    „Also ist es nicht schlimm, wenn ich sage, dass ich Deutsche bin? Ich muss nicht mehr Leuten erklären, wie es in Angola ist, obwohl ich noch nie dort gewesen bin? Ich muss mich nicht dafür schämen, dass ich nur deutsch fließend sprechen kann? Ich verleugne deswegen nicht die Kultur meiner Eltern? Ich bleibe trotz allem immer noch Schwarz?“
    Wir sehen uns an. Wir kämpfen beiden mit den Tränen.
    „Du bist beides.“
    „Ich bin beides.“
    „Und das kann dir niemand nehmen.“
    „Und das kann mir niemand nehmen.“

    albertina

    Albertina

    Albertina Pangula studierte an der Universität Passau Medien und Kommunikation. Schon als kleines Kind liebte sie es zu lesen, doch was ihr immer fehlten, waren Vorbilder, die so aussahen wie sie. Deshalb schreibt sie für RosaMag Texte über die eigene Identität. Sie befasst sich mit den Themen Rassismus und Feminismus und möchte mit dem Schreiben Menschen zur Selbstreflektion anregen.

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