Didiane Avokpo: „Ich bin nicht aufgestiegen, um die Klappe zu halten“
Fotocredit: Délicia Buton
Gute Noten sollten unserer Autorin Didiane ein Leben ermöglichen, das ihre Eltern nicht hatten. Jahre später fragt sie sich: Was hat sie auf dem Weg nach oben zurückgelassen?
Für eine Eins gab es fünf Euro. Mein Vater belohnte gute Noten mit zusätzlichem Taschengeld. Meine Eltern kamen in den Neunzigerjahren aus Togo nach Deutschland. Mein Vater arbeitete als Kraftfahrer, um die Familie zu ernähren. Trotzdem lebten wir in Armut. Für uns Kinder bedeutete das: gebrauchte, schmuddelige Schulbücher, keine Klassenfahrten, kein Geld für Hobbys wie ein Instrument oder eine Sportart.
Meine Eltern wünschten sich für ihre Kinder eine andere Zukunft. Und Bildung, das lernten wir früh, sollte der Weg dorthin sein. Daher die fünf Euro. Das System funktionierte. Schnell erarbeitete ich mir einen Einserdurchschnitt. Meine Wissbegierde, mein Biss und mein Durchhaltevermögen halfen mir dabei. In der siebten Klasse wurde ich zum ersten Mal Jahrgangsbeste.
Danach war Schluss mit dem Geld. Meinem Vater wurde es zu teuer. Ich brauchte den finanziellen Anreiz aber auch nicht mehr. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits verstanden: Gute Noten bedeuten bessere Behandlung. Meine Lehrer*innen mochten mich. Ich wurde zur Klassenvertretung gewählt und konnte viel über die Welt lernen. Was gab es daran nicht zu mögen? Ich konnte doch nur gewinnen.
Was, wenn dieser Aufstieg nicht nur etwas mit sich bringt, sondern auch etwas kostet?
Mit dieser Vorstellung bin ich nicht allein. In vielen Mirgrahaushalten gilt Bildung als Schlüssel zu einem besseren Leben. Sie verspricht mehr Sicherheit, mehr Möglichkeiten und weniger Entbehrungen. So war es auch bei uns zu Hause.
Dahinter steht ein größeres Versprechen: der Traum vom sozialen Aufstieg. Jeder Mensch, unabhängig von Familie oder Herkunft, soll die sozioökonomische Leiter erklimmen können. Wer sich nur genügend anstrengt und die sich bietenden Chancen nutzt, so die Vorstellung, kann es nach oben schaffen. Und oben bedeutet nicht nur mehr materieller Wohlstand, sondern auch gesellschaftliches Ansehen, Sicherheit und Einfluss.
In der Forschung wird dieser Prozess als Social Upward Mobility bezeichnet. Eng damit verbunden ist der Mythos der Meritokratie. Also die Idee einer fairen Gesellschaft, in der Leistung darüber entscheidet, wer erfolgreich ist. Vom Tellerwäscher zum Millionär, immer weiter nach oben. Sozialer Aufstieg klingt erst einmal nach einer Erfolgsgeschichte. Doch was, wenn dieser Aufstieg nicht nur etwas mit sich bringt, sondern auch etwas kostet?
Mit Jura würde mir der Aufstieg gelingen
Meine guten schulischen Leistungen und die Hilfe meiner Tante und meines Onkels – Verena und Atavi, you are the best ! – verhalfen mir zu einem Schulstipendium. Mir war klar: Ich will an die Universität. Ein fancy Abschluss, davon war ich überzeugt, würde meinen sozialen Aufstieg erst recht ermöglichen.
Dank meines Stipendiums konnte ich an einer Simulation des Internationalen Strafgerichtshofs teilnehmen. Danach stand für mich fest: Ich würde Jura studieren und Richterin in Den Haag werden. Eigentlich interessierte ich mich für Geschichte und Psychologie. Aber keines der beiden Fächer versprach ein besseres Leben. In Jura konnte ich mein Talent zum Diskutieren, Analysieren, meinen kreativen Blick und meine Wissensgier einbringen. Mit Jura gelingt mir der soziale Aufstieg. Mit Jura kann ich ein Leben in Sicherheit, mit mehr Möglichkeiten und weniger Entbehrungen führen.
Schnell wurde mir bewusst: Hier passe ich nicht rein.
Im Studium merkte ich allerdings schnell, dass nicht alle mit denselben Voraussetzungen starten. Ich war umgeben von Menschen, die besser verstanden, wie das System Universität funktionierte. Während ich mich durch den BAföG-Papierkram kämpfte und Wörter wie „immatrikulieren“ googeln musste, wussten andere längst Bescheid und konnten zudem auf finanzielle Unterstützung von zu Hause zurückgreifen.
Schnell wurde mir bewusst: Hier passe ich nicht rein. Aber aufgeben war keine Option. Der Druck, es als eine der wenigen Schwarzen Frauen in den Rechtswissenschaften zu schaffen, war hoch. Und die Angst vor dem sozialen Abstieg war groß.
Die Sprache der anderen
Vor allem lernte ich, dass es weniger darauf ankam, was ich sagte, als darauf, wie ich es sagte. Meine erste Probeklausur im Strafrecht bestand ich nicht. Auf Nachfrage, was ich falsch gemacht hatte und wie ich mich verbessern könnte, hieß es: Vieles sei richtig gewesen, aber es habe am Ausdruck gemangelt.
Also arbeitete ich an meiner Sprache. Doch egal, wie sehr ich mich bemühte, es war nicht genug. Ich musste mir eingestehen, solange ich mich ausdrückte wie bisher, spielte der Inhalt meiner Aussage kaum eine Rolle. Dabei hatte ich einen großen Wortschatz, geprägt von meiner Liebe zu Romanen. Um in diesem System zu bestehen, blieb mir nichts anderes übrig, als mich anzupassen.
Ich lernte die juristische Fachsprache, achtete auf meine Tonalität, meine Gestik und Mimik. Je stärker ich versuchte, andere zu imitieren, desto weniger klang ich wie sie und desto frustrierter wurde ich. Gleichzeitig klang ich aber auch nicht mehr wie ich selbst. Ich veränderte mich, ohne dadurch wirklich dazuzugehören.
Während mir in Prüfungen Punkte abgezogen wurden, weil ich mich nicht so ausdrückte, wie es von einer angehenden Juristin erwartet wurde, passierte außerhalb der Universität das Gegenteil. Freund*innen aus der Schulzeit und Familienmitglieder fragten mich immer häufiger, was bestimmte Wörter, die ich benutzte, überhaupt bedeuteten.
Ich begann, mich zwischen zwei Welten zu fühlen, als wäre ich eine Dritte in einem binären System. Die soziale Schicht, aus der ich kam, verstand mich nicht mehr. In der neuen fühlte ich mich noch nicht ganz zugehörig.
Nicht mehr dort, noch nicht hier
Und gleichzeitig ermöglichte mir dieser Aufstieg Dinge, die ich mir früher nicht einmal vorstellen konnte: Ich studierte in Kalifornien, zwischen Huntington Beach und Laguna Beach, wie in den amerikanischen Serien. Ich lernte in Wales surfen. Heute gehe ich regelmäßig zum Pilates und Yoga. Gerade lerne ich die Programmiersprache Python.
So sehr ich meine neu gewonnene Sicht auf die Welt genieße, fehlt mir manchmal das Gefühl der Zugehörigkeit zu meiner Familie. Dann frage ich mich: Bin ich ein Teil beider Welten oder stehe ich nur mit einem Fuß in jeder?
Je höher ich auf dieser Leiter steige, desto deutlicher merke ich, wie viel von mir auf dem Weg liegen geblieben ist. Die Eigenschaften, die mich ausgemacht haben, scheinen unterwegs verkümmert zu sein. Wo sind meine Kreativität, mein lautes Lachen, meine Lebendigkeit, meine Leidenschaft für Gerechtigkeit?
Weil der Mythos der Meritokratie sagt, dass jede*r es schaffen kann, geben sich viele selbst die Schuld, wenn es schwer wird.
Heute, Jahre später und mit zwei Staatsexamina, frage ich mich deshalb: Was hat mich dieser soziale Aufstieg gekostet? Wer bin ich überhaupt? Was will ich im Leben?
Ähnliche Fragen stellen sich auch andere soziale Aufsteiger*innen, mit denen ich gesprochen habe. Auch sie fühlen sich out of place und haben das Gefühl, auf dem Weg nach oben einen Teil von sich verloren zu haben. Sie erzählen mir von den Auswirkungen auf Psyche und Körper.
Dass sozialer Aufstieg nicht nur Vorteile bringt, zeigen auch Studien. Wer aufsteigt, landet oft in einem stark wettbewerbsorientierten Umfeld, was Burnout begünstigen kann. Viele fühlen sich isoliert, weil ihre Herkunft und ihr neues Umfeld kulturell nicht zusammenpassen. Und weil der Mythos der Meritokratie sagt, dass jede*r es schaffen kann, geben sich viele selbst die Schuld, wenn es schwer wird. Neuere Forschungsergebnisse aus den USA deuten sogar auf einen paradoxen Effekt hin: wirtschaftlicher Erfolg und psychisches Wohlbefinden gehen einher mit einer schlechteren körperlichen Gesundheit. Am deutlichsten zeigt sich das bei Aufsteiger*innen of Color.

@Délicia Buton
Was vom Aufstieg bleibt
Für mich bedeutet das, mich damit auseinanderzusetzen, wer ich jenseits dieses Aufstiegs eigentlich bin. Mehr Zeit mit meiner Kultur und mit mir zu verbringen. Denn nur wenn ich weiß, wer ich bin, weiß ich auch, wofür ich stehe.
Ganz konkret heißt das für mich: zurück an die Orte meiner Kindheit zu gehen, in meine zweite Heimat Togo und mit meiner Familie unsere Sprache, unser Essen und die unpolierte Ehrlichkeit meiner Herkunft zu umarmen – ohne mich dafür zu schämen oder Teile davon verstecken zu müssen.
Wir Aufsteiger*innen zahlen mit unserer Identität für ein Versprechen, das für viele eine Lüge bleibt.
Und es heißt, nicht mehr im Überlebensmodus zu sein. Während meines Aufstiegs war ich getrieben von der Angst, nicht dazuzugehören – Ich funktionierte, passte mich an, beobachtete. Heute mache ich die Dinge anders: Ich treffe Entscheidungen aus Sicherheit, nicht mehr aus Mangel. Ich muss mich in fremden Räumen nicht mehr beweisen, um meine Daseinsberechtigung zu spüren.
Doch mein persönliches Ankommen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sozialer Aufstieg keine reine Frage individueller Leistung ist. Das zeigt mein eigener Weg: Mein Aufstieg wäre ohne meine Familie, meine Geschichtslehrerin, mein soziales Netzwerk, das Stipendium, meine Nachhilfelehrerin, die zur Mentorin wurde, und Freund*innen aus finanziell stabilen Haushalten nicht möglich gewesen. Sie alle haben mir geholfen, die Hürden meiner Herkunft zu überwinden.
Am Ende bleibt die bitterste Erkenntnis: Wir Aufsteiger*innen zahlen mit unserer Identität für ein Versprechen, das für viele eine Lüge bleibt. Das System ist nicht kaputt. Es funktioniert genauso, wie es gebaut wurde: selektiv, elitär und beschwerlich. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel, einen System Change, der den Aufstieg nicht länger als mühsames Einzelschicksal romantisiert.
Ich weiß zwar, ob so ein System Change möglich ist. Aber solange wir Aufsteiger*innen schweigend mitspielen und uns einfach glücklich schätzen, “es geschafft zu haben”, wird sich gar nichts bewegen.
Ich bin nicht aufgestiegen, um jetzt die Klappe zu halten.
Didiane
Didiane Avokpo ist Berlinerin und arbeitet als Associate in einer Kanzlei. Als Autorin bei RosaMag beleuchtet sie Themen an der Schnittstelle von Recht, Klasse und Chancengleichheit. Sie schreibt über die Realitäten marginalisierter Menschen sowie die kleinen wie großen Struggles der Millennial-Generation – von tiefen Freundschaften bis hin zur Suche nach dem eigenen Platz zwischen den Schichten.

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