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Hadnet Tesfai: Musiknerd, Mutter und Augenöffnerin

Im deutschen Fernsehen gibt es eine handvoll Women of Color. Frauen, die aussehen wie du und ich. Darum habe ich mich umso mehr gefreut mit Hadnet Tesfai zu sprechen. Als selbsternannter “Radiomensch”, war Hadnet fünfzehn Jahre lang Moderatorin beim öffentlichen-rechtlichen Hörfunksender Fritz, stand schon für MTV, das Prosieben-Format red. das Starmagazin und beim Germany´s Next Topmodel Finale vor der Kamera. Seit vier Jahren ist sie nun Mutter, trotzdem ist sie als DJane unterwegs, moderiert weiterhin Veranstaltungen und nutzt ihre Instagram-Reichweite, um über Rassismus aufzuklären. Ich war neugierig, die Frau kennenzulernen, der ich als junge Frau im Fernsehen zugeschaut habe.  

Ich habe mit Hadnet über die Herausforderungen einer Schwarzen Frau in der deutschen Medienlandschaft gesprochen, wie wichtig und kräftezehrend es ist, über Rassismus zu sprechen und welche Hürden sie in ihrem heimischen Alltag erlebt, Kinder großzuziehen, die weiß und schwarz sind.

Eine Starke Community, eine starke Identität

Mit drei Jahren kam Hadnet Tesfai gemeinsam mit ihrer eritreischen Familie nach Deutschland. “Ich hatte immer eine sehr klare Zugehörigkeitsvorstellung,” erklärt Hadnet und bezieht sich auf ihre sogenannte “extended” Familie. In Stuttgart und Frankfurt ist die eritreische Community groß. Diese gab ihr Rückhalt. “Ich bin in einer Gemeinde aufgewachsen, die mich zu 100 Prozent als ihres betrachtet hat,” ergänzt sie. Das hat sie zu einer starken und selbstbewussten Woman of Color gemacht, die ganz klar weiß, wer sie ist. Hadnet hat weder mit ihren Haaren oder ihrer Hautfarbe gehadert. Abgesehen von den Teenager-Eskapaden, in die jede heranwachsende junge Frau eines Tages tappt,

wo sie ein wenig mit dem, wie sie sagt “Alibi Relaxer”, der chemischen Glättung für Kinderhaare, herum experimentierte. “Ich liebte schon immer meine Locken.” Doch jetzt steht Hadnet als Mutter von zwei Kindern, die einen weißen Vater haben, einer ganz anderen Herausforderung gegenüber. “Es ist interessant, dass ich nun die Aufgabe habe, Kinder großzuziehen, die mit zwei konkurrierenden Systemen aufwachsen. Der eritreischen Kultur und der Deutschen. Meine Kinder haben das gute Recht, beides in sich zu vereinen und beides zu sein. Aber dann ist die Frage, klappt das denn alles so? Ohne Reibungen?” Fast.

Hadnet-Tesfai

Was du vorgelebt bekommst, prägt dich

“Wie gehe ich damit um, wenn meine Tochter sagt, sie will keine Locke haben? Oder sie will lieber aussehen, wie Papa?,” fragt Hadnet und reißt den aktuellen Prozess, den sie und ihre Familie gerade durchleben an. Das ist kein Einzelfall in multi-ethnischen Haushalten in Deutschland. Laut dem Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, haben 31 Prozent der Familien in Deutschland einen oder zwei Elternteile mit einem Migrationshintergrund. Als ihre vierjährige Tochter “Bäh” sagte, als Hadnet sie mit einem voluminösen Afro von der Kita abholte, musste sie feststellen, dass die mehrheitlichen weißen Kinder in ihrem Umfeld, unabhängig von ihrer Familie, einen starken Einfluss auf ihre Tochter haben. “Sie ist vier. Es kann auch ein Ausdruck von Überraschung, Überforderung oder sonst irgendetwas gewesen sein. Aber das sie diesen Ausdruck gewählt hat, das war schon heftig für mich,” fügt sie hinzu: “Später hat sie mir gesagt, sie findet meine Haare schön.” Hadnets Plan: Sie und ihr Mann sprechen viel mit ihrer Tochter.

Vor allem, ist es ihr wichtig, dass ihr Ehemann, der in der “Nahrungskette ganz weit oben steht” als weißer Mann, ein gleichwertiger Teil in der Konversation ist. “Das ist schon interessant für so einen weißen, blonden, blauäugigen Franken, der sich noch nie über solche Sachen Gedanken machen musste, sich nun in solch einem Gespräch zusehen. Wir wachsen daran, als Familie.” Zudem sind ihre Kinder, dank ihres Freundeskreises, von positiven Beispielen umgeben. “Sie hat meinen Bruder, um sich herum, meine besten Freundinnen, die alle sehr empowernde Black Women sind und auch empowernde Black Men, was sehr bedeutend ist, auch für meinen Sohn.” Hadnet ist es wichtig, dass sie ein enges Umfeld hat, dass ihren Kindern unkompliziert und souverän vorlebt, wie zufrieden sie mit ihrer Welt als People of Color sind. “Am Ende bleibt: Es ist nicht das, was du siehst, sondern das, was du in deinem wahren Leben vorgelebt bekommst.”

Vom Radio, zum Fernsehen und wieder zurück

Hadnet ist nicht nur für ihre Kinder ein Vorbild. Sie blickt, als eine der wenigen Women of Color, auf eine erfolgreiche Karriere in der deutschen Medienwelt zurück. Mit einem Spitzenabitur startete sie mit einem sechsmonatigen Praktikum bei dem Berliner RnB- und HipHop-Radiosender Kissfm. Danach arbeitete sie 15 Jahre bei dem öffentlich-rechtlichen Sender Fritz für Berlin und Brandenburg. Trotzdem fand ich bei meiner Recherche nicht, dass Hadnet eineinhalb Jahrzehnte bei Fritz arbeitete, sondern lediglich Erwähnungen von Kissfm. “Das nervt, weil ich bei Kissfm noch nicht mal am Mic war,” erklärt sie und ergänzt: “Zum einen handelt es sich um eine Verwechslung mit der Moderatorin Boussa Thiam und zum anderen, hätte ich als Schwarze Frau vermutlich besser in das RnB- und Hip-Hop-Format gepasst.” Hadnet ließ sich nicht aufhalten. Danach startete sie den Sprung ins Fernsehen. Mit 28 Jahren übernahm sie ein RnB-Format für MTV, war dann später das Gesicht von red. das Starmagazin auf ProSieben  und hostete das Germany´s Next Topmodel Finale.

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Quelle: Hadnet Tesfai

“Schatz, na klar ist es als Schwarze Frau härter”

Auf meine Frage, ob es härter als Schwarze Frauen im Radio und Fernsehen ist, schaut mich Hadnet an und sagt liebevoll: “Schatz, ja. Na klar!” Die Haare, die Wirkung, die Herausforderung, ob sie einen Job nicht erhalten hatte, weil sie nicht dem Typ entsprach und die Überraschung, die sie empfand, als sie den Gig bei red. 

bekommen hatte. “Ich hatte eben auch Situationen, wo die Leute nach dem Casting sagten: Du hast einfach überzeugt.” Aber auch das Gegenteil, wo sie nach einem gescheiterten Casting, die Erstausstrahlung von der Show sah und feststellen musste, dass die junge, weiße, blonde Frau einen weitaus schlechteren Job hinlegte als Hadnet. “So etwas sagen sie dir niemals ins Gesicht.”

“Jeder weiße Mensch, sollte einem Schwarzen Mensch(en) auf Instagram folgen”

Vermutlich liegt es an solchen Erfahrungen, die Hadnet zu einem politischen Menschen machen. Ihren Instagramkanal nutzt sie nicht nur für Selfies, sondern um über Alltagsrassismus aufzuklären. So entdeckte ich am Weltfrauentag in ihren Insta-Stories ein Foto vom dem Cover der Berliner Morgenpost. Darauf waren zwanzig Bilder von erfolgreichen Frauen aus Berlin abgelichtet

und leider nur eine einzige Woman of Color dabei. “Ich bin der Meinung, dass jeder weiße Mensch in Deutschland, mindesten einem Schwarzen Menschen auf Instagram folgen sollte, der sie immer wieder mit Black Insights versorgt. Helps a lot,” erklärt sie und erzählt, wie einer ihrer Kolleginnen vom WDR Hadnet für ihren Content dankte und erklärte, dass sie nun eine bessere Sensibilität gegenüber Alltagsrassismus habe.

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Quelle: Hadnet Tesfai

Die Musiknerdin bleibt sich ihrer Leidenschaft treu

Hadnet Tesfai ist und bleibt ein großer Musikfan. “Ich war schon immer ein Musiknerd. Dabei hat mich die aktive Seite nicht interessiert, sondern die Geschichten dazu. Was die Menschen dazu bewegt hat.” Nach der Geburt ihrer Tochter hörte Hadnet nach vielen Jahren beim Radio auf. Trotzdem legt sie gern als DJane auf, wobei sie sagt, dass die unorthodoxen Zeiten nicht mehr in ihren Alltagsrhythmus passen. Trotzdem: “Das Radio hat einen besonderen Platz in meinem Herzen,”

schmunzelt Hadnet und verrät, dass sie nicht unbedingt zu ihrem Lieblingsmedium zurückgeht, sondern plant in die Podcastwelt einzutauchen. Was genau, steht noch nicht fest, doch wir freuen uns schon darauf. Bis dahin versorgt sie uns über ihre Insta-Stories mit Gesangs- und Tanzeinlagen aus ihrem Auto, kleinen Augenöffnern, wenn es um Alltagsrassismus geht und liebevollen Einblicken aus ihrem Familienleben. Hadnet Tesfai ist so viel mehr, als ein Musiknerd. Sie ist eine empowernde Frau, deren Reise noch lange nicht zu ende ist.

Ein Online-Lifestylemagazin für afrodeutsche Frauen schaffen. Genau das hat sich die 29-jährige Berlinerin in den Kopf gesetzt. Nun ist Cianis Traum wahr geworden. RosaMag informiert, inspiriert und empowert Schwarze Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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