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Liegt Schmerz in unserem Blut? Epigenetik und posttraumatisches Sklavensyndrom

Liegt Schmerz in unserem Blut? Epigenetik und posttraumatisches Sklavensyndrom

Einführung in die Epigenetik 

Depression und Trauma werden an die nächsten Generationen weitergegeben – Es liegt in den Genen. Genauer, in der Epigenetik. Seit 2008 sind sich ForscherInnen sicher, dass Erlebnisse die DNA verändern können. Doch welche Konsequenz hat eine über mehrere Generationen und Jahrhunderten andauernde Unterdrückung auf die Epigenetik? Die Pädagogin, Autorin und Professorin Joy DeGruy, hat einen Begriff dafür: posttraumatisches Sklavensyndrom – PTSS. Sind Emotionen und Handlungen, die wir heute erleben, viel tiefer in der Vergangenheit verwurzelt? 

Liegt Schmerz in unserem Blut? Epigenetik und posttraumatisches Sklavensyndrom

Illustration von Keke Opata

Die Anfänge der Epigenetik

Wenn eine schwangere Frau stark trinkt, kann dies zu einem Alkoholsyndrom bei ihrem Fötus führen. Dies geschieht, weil die Belastung des Körpers einer schwangeren Mutter in gewissem Maße mit dem Fötus geteilt wird und in diesem Fall, das normale Entwicklungsprogramm direkt in der Gebärmutter beeinträchtigt wird. Das ist Epigenetik. Doch das Konzept geht einen Schritt weiter. Ein Trauma kann chemische Spuren in den Genen hinterlassen, die dann an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. Die Markierung schädigt das Gen nicht direkt. Es gibt keine Mutation, stattdessen ändert es den Mechanismus, durch den das Gen in funktionierende Proteine umgewandelt wird. Eines der größten bahnbrechenden Entdeckungen war die Untersuchung an den Kindern und Enkelkindern des holländischen Hungerwinters 1944/45.

Während des zweiten Weltkrieges hungerten die Kinder im Mutterleib und das wirkte sich auf ihr chemisches Kennzeichen aus. Sie kamen mit einem geringeren Gewicht zur Welt, hatten häufiger Diabetes und Infarkte, weil sie die genetische Prägung mitbekommen hatten, aus wenig Essen viel Nahrhaftes zu mobilisieren. In der Tierwelt gibt es weitere Beispiele. Glattechsen, die häufig den Geruch von Schlangen wahrgenommen haben, bekommen größeren und stärkeren Nachwuchs, der dann seltener Schlangen zum Opfer fällt, auch Mäuse lernen eine systematische Abneigung gegen einen Geruch, als Schutz und selbst die Nachfahren nagen noch an dem Trauma, dass ihre Großeltern erlebten, als sie von ihren Müttern getrennt wurden. Die Epigenetik entscheidet, ob eine Biene eine Königin oder eine Arbeiterin wird – Es gibt viele Erkenntnisse. 

Was ist die Epigenetik genau? Die Erforschung von Phänomenen und Mechanismen, die erbliche Veränderungen an den Chromosomen hervorrufen und die Aktivität von Genen beeinflussen, ohne die Sequenz der DNA zu verändern. 

Welche Bedeutung hat das posttraumatische Sklavensyndrom?

Neuere epigenetische Studien zeigen, dass Stress, sozioökonomische Deprivation, Rassismus und andere traumatische Erfahrungen unserer Vorfahren eine Rolle beim Ein- oder Ausschalten bestimmter Gene in unserer DNA spielen können. So kann beispielsweise das Trauma der Sklaverei generationsübergreifend weitergegeben werden, ist zumindest Ph.D.  Joy DeGruy sicher. DeGruy erklärt, dass in schwarzer Haut zu leben eine ganz andere Stressstufe ist. Allen voran unterscheidet DeGruy zwischen der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), welches aus einem einzelnen Trauma resultiert, das direkt oder indirekt aufgetreten ist und dem posttraumatischen Sklavensyndrom (PTSS), bei dem wir nicht über ein einziges Trauma sprechen, 

sondern von Erlebnissen die über 20 Generationen weitergereicht wurden und heute noch andauern. Der heutige Alltag von Schwarzen Menschen in weißen Mehrheitsgesellschaften ist geprägt von Mikroaggressionen, täglicher Diskriminierung und Ausgrenzung, die negative und gesundheitliche Folgen für das geistige, emotionale und körperliche Wohlbefinden hat. Zudem haben sozialwissenschaftliche Disziplinen bereits herausgestellt,  dass die Stellung der sozialen Klasse mit einer schlechten Gesundheit zusammenhängt. Je mehr Geld du hast und gebildeter du bist, desto gesünder kannst du leben. Das gepaart mit den Theorien der Epigenetik, was bedeutet das für unseren Alltag?

Die Epigenetik steckt noch in den Kinderschuhen

Während die Vererbung von Informationen in der Tierwelt bereits weit erforscht ist, sieht die Situation bei Menschen ein wenig anders aus. So gibt es erst seit 2017 eine Studie, die beweist, dass traumatische Erlebnisse bis zur dritten Generation vererbt werden kann. Darüber hinaus, allerdings nicht. Die Wissenschaft der Epigenetik ist jung und tastet sich noch voran. Das müssen wir anerkennen. Daher ist es schwierig zu behaupten, dass die generationsübergreifende Sklaverei auf unser Leben, im hier und jetzt, eine Auswirkung hat – genetisch zumindest. Das die Kolonialzeit weiterhin einen Effekt auf unseren Alltag hat, kann jeder Schwarze Mensch, aufgrund von Rassismus, Diskriminierung und stereotype Darstellungen in den Medien bestätigen. Das bedeutet, dass wir mit Sicherheit sagen können, dass die Erfahrungen unserer Oma oder unseres Opas, sich auf uns auswirken kann und der Stressfaktor war bei ihnen, als Schwarze Person oder als Mensch, der oder die den Krieg erlebte, weitaus höher und gleichzeitig müssen Schwarze Menschen sich heute weiterhin täglicher Ausgrenzungen und der Herausforderung von weiß dominierten Hierarchien aussetzen. Allerdings liegt die Betonung bewusst auf kann, da Umweltfaktoren und die individuelle Handhabung der einzelnen Personen gegenüber ihrer epigenetischen Veranlagung und dem eigenen psychischen Zustand eine wichtige Rolle spielt. 

Ich kann nichts dafür, dass ist genetisch – geht nicht so recht

Sobald Menschen ihre eigene epigenetische Dispositionierung kennen, sind sie dieser nicht mehr ausgeliefert, laut Thomas Elbert, Professor für klinische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Konstanz. Die epigenetische Modifizierung kann jederzeit verändert werden, durch beispielsweise Psychotherapie. Denn nicht nur Stress ist epigenetisch nachweisbar, auch positive Erfahrungen wirken sich auf uns aus. Auch DeGruy appelliert daran, dass wir den Kreislauf durchbrechen können. Das wir lernen müssen, das kaputte Material nicht weiterzugeben. Mentale Gesundheit, ein qualitatives Leben und sich selbst eine nährreiche und  gesunde Umwelt zu schaffen, helfen dabei die eigene epigenetische Situation umzuwandeln. Schwarze Menschen sind einem größeren Stress ausgesetzt. Punkt. Daher sollten wir uns darauf fokussieren,  die Bereiche, in denen wir Einfluss haben, bewusst und aktiv positiver zu gestalten und dafür zu kämpfen, das die alltäglichen Stressfaktoren, denen wir aktuell ausgesetzt sind, für unsere nachfolgende Generation nicht mehr da ist. Schmerz liegt uns vielleicht im Blut, doch wir haben es selbst in der Hand, so weit es möglich ist, es selbst zu ändern. 

Ein Online-Lifestylemagazin für afrodeutsche Frauen schaffen. Genau das hat sich die 29-jährige Berlinerin in den Kopf gesetzt. Nun ist Cianis Traum wahr geworden. RosaMag informiert, inspiriert und empowert Schwarze Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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