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Dr. Mahret Ifeoma Kupka: „Das Humboldtforum hält ein veraltetes eurozentristisches Narrativ aufrecht“

Im Gespräch mit Kuratorin Dr. Mahret Ifeoma Kupka

Zum wiederholten Mal wird in Europa über die Rückgabe gestohlener kolonialer Kunstobjekte diskutiert. Auch in Deutschland ist die Restitutionsdebatte in vollem Gange. Vor allem die geplante Eröffnung des Humboldtforum im Jahr 2020 in Berlin stößt auf Kritik. Wir haben uns mit der Kuratorin Dr. Mahret Ifeoma Kupka darüber unterhalten, worum es bei der Debatte eigentlich geht, welche Rolle der französische Präsident Emmanuel Macron dabei spielt und was die Diskussion mit der mangelnden Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit zu tun hat. 

Im Jahr 2020 eröffnet in Berlin das Humboldtforum. Dort sollen außereuropäische Kulturgüter ausgestellt werden. Um was für Kunstobjekte handelt es sich?

Es handelt sich dabei um Objekte aus den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, die beide zu den Staatlichen Museen zu Berlin gehören und zuvor in Berlin-Dahlem angesiedelt waren.

Warum wird die Eröffnung des Humboldtforum in Berlin so kontrovers diskutiert?

Eine simple Frage, auf die es leider nur eine komplexe Antwort geben kann, die in mehreren Etappen weit in die Geschichte Deutschlands zurückreicht. Nach der Vereinigung von DDR und BRD in den 1990ern stellte sich die Frage, was mit der Berliner Mitte als neuem symbolischen Ort der wiedervereinigten deutschen Hauptstadt architektonisch und damit auch symbolisch passieren sollte, denn bis dahin war das alte Herz der Stadt hauptsächlich durch sozialistische Architektur der DDR geprägt. Vor der Teilung Deutschlands stand an der Stelle, wo heute das Humboldtforum entsteht das Berliner Stadtschloss, ein Symbol der preußischen Monarchie. Es wurde im Krieg teilzerstört und die Ruine wich in der DDR dem Palast der Republik, seit 1976 bis zur Wiedervereinigung Sitz der Volkskammer und repräsentativer Kulturort, was nicht so recht zum Bild der neuen Berliner Republik passen wollte. Nach langen Diskussionen lag im Frühjahr 2000 ein Thesenpapier vor, in dem erstmals vom „Humboldtforum“ die Rede war und das eine Art Kompromiss darstellen sollte. Die geplante Rekonstruktion des Schlosses war bis dahin vor allem als geschichtsrevisionistisch kritisiert worden. Nun wollte man unbedingt in die Zukunft blicken und erklärte das Schloss zum „Haus der Kulturen der Welt“, das im Dialog mit den Sammlungen auf der Museumsinsel ein zukünftiges, weltoffenes Berlin repräsentieren sollte. In einem Sprichwort heißt es so schön: Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Genau das war hier nun passiert. Denn problematisierte die Schlossrekonstruktion zuvor vorrangig den Umgang Deutschlands mit seiner jüngsten Geschichte, war nun plötzlich die bis heute stets verdrängte, unheilvolle Geschichte Deutschlands als Kolonialmacht auf dem Tisch und mit ihr die bis ins Heute reichenden Folgen..

Gibt es weitere Gründe?

Bei genauerer Analyse der Forschungsumstände gerät zudem die aufs Höchste gefeierte Reputation der Humboldtbrüder Wilhelm und Alexander, die beide namensgebend für das Arrangement um Schloss und Museumsinsel fungieren, immer mehr ins Wanken. Dass all dieses so kontrovers diskutiert werden kann, ist sicher auch ein Zeichen der Zeit. Alte Autoritäten sitzen längst nicht mehr so sicher auf ihren Plätzen. Soziale Medien und machtvolle, durch zunehmend umfangreich gebildete und informierte Personen, deren Stimmen früher kaum Gehör fanden, tragen ihres dazu bei. Die Idee, einen Ort der Begegnung mit fremden Kulturen zu schaffen ist zudem absurd angesichts der Realität der hoch heterogenen Gesellschaften, in denen wir „hier“ leben. Das Humboldtforum hält ein veraltetes eurozentristisches Narrativ aufrecht, nämlich dass es „hier“ so etwas wie eine genuin europäische, deutsche Kultur gäbe und außerhalb Europas etwas anderes, dem die Europäer nun in einem Forum weltoffen und neugierig begegnen können. Damit werden kulturverändernde Realitäten wie Migration und diasporische Lebensentwürfe komplett ignoriert. Auch gibt es keinen wirklichen Dialog mit den Kulturen der so genannten „Herkunftsgesellschaften“. Es gibt vereinzelte sehr vielversprechende Versuche ethnologischer Museen, die spätestens seit der Kontroversen in Berlin ihre Herangehensweisen kritisch reflektieren, doch mangelt es noch sehr an Begegnungsräumen auf Augenhöhe ohne paternalistische, eurozentrierte Ausgangslage

Inwiefern steht die Kontroverse im Zusammenhang mit der fehlenden Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit?

Sie steht in direktem Zusammenhang. An der Aufarbeitung hängt sehr viel dran. Das müsste beginnen mit der kritischen Revision des rassistischen Gedankenguts, welches die europäische Aufklärung begründet. Würde die Geschichte von da aus neu aufgerollt werden, wäre so etwas wie das Humboldtforum absolut undenkbar. Wenn überhaupt, ist die Erinnerung an die Beteiligung Deutschlands am kolonialen Wettstreit Europas allgemein sehr positiv gefärbt und von Wehmut begleitet. Vom „Platz an der Sonne“ ist die Rede, an die atemberaubende Tierwelt Deutsch-Südostafrikas wird gedacht und kein Sinn darin gesehen, Straßen, die bis heute Kolonialverbrecher ehren, umzubenennen. Darüber, dass im heutigen Namibia Deutschland die ersten Konzentrationslager errichtete und zwischen 1904 und 1908 in einem Genozid zwischen 24.000 und 100.000 Herero, rund 10.000 Nama und unzählige San ermordet wurden, wird gerne geschwiegen. Nur sehr langsam kommt es zu Änderungen und Anerkennungen. Jede größere deutsche Stadt hat mittlerweile postkoloniale Initiativen, die die Geschichten der jeweiligen Städte neu erzählen und sichtbare koloniale Spuren offenlegen und über die Wirkungen bis in unseren heutigen Alltag hinein aufklären. 1884 fand in Berlin die so genannte Kongo-Konferenz statt, die die Grundlage der Aufteilung Afrikas in Kolonien darstellte und die in der Wilhelmstraße unweit der heutigen M*straße stattfand. Die Konferenz bildet den Ausgangspunkt der bis heute andauernden systematischen Ausbeutung des afrikanischen Kontinents. Das Humboldtforum ist einen kurzen Fußmarsch entfernt. Die Idee eines derartigen Forums ist nur unter dem Einfluss kolonialer Amnesie denkbar.

Im Jahr 2018 erklärte der französische Präsident Emmanuel Macron bei einer Rede in Ouagadougou, dass er „innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika” in die Wege leiten möchte. Dazu veröffentlichten die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr einen kulturpolitischen Bericht. Zu welchem Ergebnis kamen sie?

Der Bericht ist sehr umfangreich und dokumentiert die Recherchereise der beiden Wissenschaftler*innen durch Westafrika. Eine sehr essentielle Schlussfolgerung des Berichts ist eine notwendige Beweislastumkehr. Das bedeutet, dass grundsätzlich davon auszugehen ist, dass die Dinge unrechtmäßig angeeignet wurden und die heutigen Besitzer*innen den rechtmäßigen Erwerb nachweisen müssen. Können sie das nicht, dann muss das Objekt zurückgegeben werden. Bislang ist es nämlich umgekehrt. Es gibt eine Rückgabeforderung und die fordernde Partei muss nachweisen, dass das Objekt gestohlen wurde. Diese Beweislastumkehr hätte auch eine wichtige symbolische Funktion, nämlich dass koloniale Verbrechen per se umfassend anerkannt würden, weil von dort ausgehend Untersuchungen angestellt werden würden. Die Unschuldsvermutung wäre aufgehoben. Mit dem Zustand jetzt steht der Eindruck im Vordergrund es hätten vor allem Beziehungen auf Augenhöhe stattgefunden. Die gab es auch, denn tatsächlich gab es auch freundschaftliche Beziehungen, Geschenke und gerechten Handel, aber das ist eben nicht die eine zentrale Wahrheit, die bis jetzt aber noch viel zu viel Raum einnimmt.

Bereits in den 70er und 80er Jahren gab es Forderungen afrikanische Kulturgüter zurückzugeben. Woran sind die Bemühungen damals gescheitert?

Es gab und gibt immer wieder Forderungen. Ich denke, dass der gesellschaftliche Druck gepaart mit anderen Interessen der Regierungen, für die sich eine spektakuläre Restitution instrumentalisieren lässt, am meisten Erfolge erzielt. Bénédicte Savoy schildert in „Museen: Eine Kindheitserinnerung“ neben ihrer persönlichen Annäherung an das Thema vor allem auch die erste Welle der an die Oberfläche schwappenden Rückforderungen. Was heute möglicherweise anders ist, ist das der Druck größer ist. Es gibt mehr Menschen in machtvollen Positionen, die sich äußern. Die Netzwerke sind enger. Die Kooperationen zwischen Initiativen auf dem Kontinent und in der Diaspora sind stärker. Bleibt abzuwarten, wie weit es diesmal geht. Der Diskurs jetzt ist nicht neu, aber wird aus den genannten Gründen schärfer geführt.

Oft wird von Gegner*innen einer Rückgabe der Kunstobjekte erklärt, dass die jeweiligen afrikanischen Länder nicht in der Lage seien sich fachgerecht um ihr kulturelles Erbe zu kümmern. Wie siehst du das?

Das als Argument für einen Verbleib der Dinge in Europa anzuführen zeugt mindestens von krasser Ignoranz. Ich kann nicht für alle Museen auf dem Kontinent sprechen, aber es gibt zahlreiche Häuser, die das Humboldtforum, dessen Eröffnung erst diesen Juni von 2019 auf 2020 verschoben wurde, an technischer Ausstattung übertreffen. Aus anderen Gründen nicht unproblematisch, aber durchaus nennenswert z.B. das im Dezember 2018 eröffnete „Museum of Black Civilizations“ in Dakar, Senegal. Erst im Juli wurde in einem ausführlichen Bericht in der Süddeutschen Zeitung der katastrophale Zustand der Depots einiger deutscher Museen beschrieben. Oftmals wissen die Verantwortlichen nicht einmal genau, was sich überhaupt in ihren Depots befindet, weil zahlreiche Objekte nicht ordnungsgemäß inventarisiert wurden. Grund dafür sind besonders heute zu allermeist fehlende Gelder und Personalmangel. Wer so argumentiert, muss schon auch genauer hinsehen und auf Augenhöhe vergleichen. Ich möchte das Argument nicht komplett vom Tisch wischen, denn tatsächlich ist es leider wirklich oft so, dass eine Sorge und Aufarbeitung der Dinge in diversen afrikanischen Communitys schlecht möglich sind, weil die Expertise fehlt. Diese fehlt aber in allererster Linie, weil sie nicht gelehrt wurde oder verloren gegangen ist. Das sind Folgen des Kolonialismus. Andererseits ist es in vielen Fällen auch so, dass in Europa die Expertise fehlt. Da wurden Dinge angeeignet, ohne Kenntnis über Nutzen und Funktion.

Wie könnte eine erfolgreiche Aufarbeitung der Geschehnisse aussehen? 

Erstrebenswert finde ich eine Kooperation. Diese kann unterschiedliche Formen annehmen. Sei es in der Bildung einer Plattform in den jeweiligen Ländern um gemeinsam die Geschichten der Dinge wiederzuentdecken oder in der Zirkulation sowohl der Dinge als auch der Personen. Es muss um Begegnung gehen. Oft ist die ursprüngliche Idee der Dinge verloren. Aber es gibt eine sehr aktuelle Erzählung, die eben die Reise der Dinge nach Europa miteinbezieht. Der Kolonialismus ist nun Teil der Erzählung und muss ebenso auch mit berücksichtigt werden. Und selbst wenn die Objekte zu diesem Zeitpunkt aus restauratorischer Hinsicht in Europa besser aufgehoben wären, dann könnte das nur der Ausgangspunkt dafür sein, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen oder zu diskutieren, ob und wie diese überhaupt notwendig sind. Hier muss unbedingt das Wort der rechtmäßigen Besitzer*innen das schwerer wiegende sein.

Der Berliner Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung kritisierte kürzlich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ein Überlegenheitsgefühl der ethnologischen Museen in Deutschland gegenüber den afrikanischen Gegenstücken. Auch ein Überbleibsel der Kolonialzeit?

Absolut! Ethnologische Museen basieren auf der rassistischen Ideologie, die den Kolonialismus überhaupt erst möglich machte. Insofern kann es meiner Meinung nach auch keine Revision oder Umstrukturierung von ethnologischen Sammlungen geben, wenn nicht als Ziel die Entsammlung steht. Was über Jahrhunderte als Konstruktion des Anderen reproduziert wurde, muss nun Stück für Stück dekonstruiert werden. Was ich als einen total aufregenden Prozess erlebe, ist für viele, die in den Strukturen stecken eine Albtraum, stellt dieser Prozess letztlich auch deren Sinn in Frage. Das Forschungsobjekt der Ethnologie löst sich quasi vor den eigenen Augen auf.

Der kamerunische Philosoph Achille Mbembe äußerte sich zum Kolonialismus einst mit den Worten: „Die Wahrheit ist, dass Europa uns Dinge genommen hat, die es uns nie zurückgeben kann.“ Warum ist es trotzdem wichtig, dass die Kulturgüter ihren Weg zurück zu ihren ursprünglichen Besitzer*innen finden?

Ich denke nicht, dass es unbedingt SO wichtig ist, dass die Dinge ihre Wege zurück finden. Jedenfalls sollte da nicht der Fokus liegen, denn letztlich geht es nicht darum, dass die Museen in Europa leer geräumt werden und alles in Kisten zurück nach Afrika geschickt wird. Das ist auch das, was Mbembe tatsächlich meint. Damit wäre die Geschichte nicht erledigt bzw. das große Unheil des Kolonialismus mit seinem Folgen bis heute ausgeglichen. Der Kolonialismus mit all seinen Nachwirkungen bis heute ist ein so unvorstellbares Verbrechen an der Menschheit, das kann nicht wieder gut gemacht werden. Das wird auch nie wieder gut sein. Aber der Umgang damit kann sich verändern, so dass Heilung überhaupt erst möglich werden kann.

 

Fotocredit: Marina Ackar

COMMENTS
  • Géraldine Kortmann

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    Ich stimme Ihren Einschätzungen und Vorschlägen hundertprozentig zu! In der Tat ist es offenbar sehr schwierig, das (einstige) Konzept des ethnologischen Museums auf heutige (leider immer noch mehr normativen als allenthalben realen) Kontexte hin zu entwickeln. Trotz der reflexiven und kritischen Ansätze z.B. im Linde-Museum, im Markk-Museum oder am Quai Branly. Sie haben die eigentliche theoretische Problematik klar formuliert. Ein tolles Interview!

    3. March 2020
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