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Warum lesen wir nichts über die Schwarz-deutsche Geschichte?

Warum lesen wir nichts über die Schwarz-deutsche Geschichte?

Als Schwarze Person etwas über Schwarzes Leben in Deutschland zu erfahren, ähnelt der Suche nach dem perfekten BH. Es ist nervenaufreibend, frustrierend, schwer, du stößt auf einige Sackgassen und dann fragst du dich: Warum sind die Zugänge so erschwert und noch viel wichtiger: Warum ist die Schwarze-deutsche Geschichte in Schulbüchern abstinent? Wir haben uns mit Josephine Apraku über die Institution Schule unterhalten, insbesondere darüber, was wir nicht lernen und zwar: Afrodeutsche Geschichte. Dann haben wir einen Blick in “Schwarze Geschichtsbücher” geworfen, einige Erkenntnisse gesammelt und eine drastische Lösung gefunden.

Auf der Suche nach einem Einstieg in die Schwarz-Deutsche Geschichte? 

Seit 1987 widmet sich die afrodeutsche Historikerin Katharina Oguntoye der Suche nach “den Zeugnissen des Lebens Schwarzer Menschen in Deutschland”. So begann während der Kaiserzeit die Kolonialherrschaft. In der sogenannten Berliner Kongo-Konferenz im Jahr 1884/1885 initiiert von Otto von Bismarck wurde Afrika sozusagen am grünen Tisch unter den europäischen Mächten aufgeteilt. “Die Errichtung der deutschen Kolonien bildete die Voraussetzung für die nun erstmals in größerer Zahl stattfindenden Einreisen von Afrikaner*innen nach Deutschland,” schreibt Katharina Oguntoye in “Afrikanische Zuwanderung nach Deutschland zwischen 1884 und 1945” und beweist: Es gibt viele Dokumente, Nachweise und zu der Zeit als Katharina begann zu forschen, einige Zeitzeugen/innen, die bestätigen: Schwarze Menschen sind verdammt lange Teil der deutschen Historie. 

Deutsch ist (k)ein Synonyme für weiß

“Deutschsein wird mit Weißsein verknüpft,” erklärt Apraku, das sei der Grund, warum es keine Schwarze-Deutsche Geschichte in den Schulbüchern gibt. “Es hat viel damit zu tun, wie der rassistische Diskurs in Deutschland geführt wird.” In Großbritannien wird eine Schwarze Person nicht irritiert angeschaut, sobald sie sagt, dass sie oder er Brite/in sei, in den USA ist es ähnlich, doch in Deutschland? Fehlanzeige. Diese strenge und klare Theorie, dass deutsche Identität durch die weiße Hautfarbe determiniert wird, ist so tief verstrickt, dass die Unsichtbarmachung von Schwarz-deutscher Geschichte auf dem alltäglichen Lehrplan, diese Ausgangslage nicht verbessert.

Warum-lesen-wir-nichts über die Schwarz-deutsche Geschichte?

Unsere Expertin: Josephine Apraku/ Bild: Lars Walther

Der Zusammenhang zwischen Kolonial- und NS-Zeit

Die Aufarbeitung der Kolonialzeit ist zäh bis hin zu nicht existent. Dabei sei das nationalsozialistische “Gedankengut”, laut Josephine Apraku nicht in einem “Vakuum” entstanden. “Es gab rein personelle Überschneidungen zwischen der Kolonial- und der NS-Zeit. Wir haben teilweise die gleichen Leute aus der NS-Zeit, die auch während der Kolonialzeit tätig waren.” Ein Beispiel, dass Apraku nennt ist: Eugen Fischer. Fischer, einer der berühmtesten Mediziner, der rassistische Forschungen während der NS-Zeit in Konzentrationslagern betrieb und dehumanisierende Untersuchungen und Tests durchführte, entwickelte seine Theorien bereits während der Kolonialzeit im heutigen Namibia. “Diese beiden Komponenten werden selten miteinander verbunden, obwohl es total logisch ist: Die rassistischen Ideen der Nazis haben eine Vorgeschichte,” fasst Apraku zusammen und bestätigt, dass dieser Zusammenhang eigentlich essentiell ist, um die deutsche Vergangenheit zu begreifen.

Afrikaner*innen und das Kaiserreich

Die Historikerin Katharina Oguntoye widmet sich seit 1987 “den Zeugnissen des Lebens Schwarzer Menschen in Deutschland”. Ihr Bedürfnis war es herauszufinden, wie das Leben in der Bundesrepublik für Schwarze Menschen aussah, die 50 oder 100 Jahre vor ihr lebten. Sie stieß auf einige Hürden. Zum einen lautete eine Hypothese, dass es nicht so viele Informationen und Beweise über das Leben Schwarzer Menschen in Deutschland gäbe, weil es nicht so “viele” waren. Oguntoye bewies gemeinsam mit ihren Kollege*innen genau das Gegenteil und sprach sogar mit Zeitzeugen/innen. Kurz zusammengefasst beweist Oguntoye, dass Schwarze Menschen seit dem Kaiserreich, Teil der deutschen Gesellschaft sind. Seitdem 18. Jahrhundert! Trotzdem lesen wir in den Geschichtsbüchern recht wenig darüber. Warum?

Was ist der Black History Month?

Schwarze Geschichte ist keine deutsche Geschichte

“Es hat viel damit zu tun, wie Rassismus in Deutschland gewachsen ist,” so Josephine Apraku und bezieht sich auf die Gesetzgebung während der Kolonialzeit im heutigen Namibia, in denen “Misch”-Ehen, welches die Heirat zwischen einer Schwarzen und einer weißen Person, verbot. Dieses Gesetz sollte, laut Apraku, den Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft für Kinder aus diesen Partnerschaften eindämmen. Auch wenn diese, durch einen sexuellen Missbrauch entstanden sind. “Nur weiße Menschen können deutsch sein. Somit wird Schwarze Geschichte bis heute nicht als deutsche Geschichte wahrgenommen,” so Apraku. In den USA war dies ähnlich. Daher gründete der afroamerikanische Historiker Carter G. Woodson zunächst die Black History Week, um auf die Errungenschaften von Schwarzen Menschen und ihrer Geschichte in den USA aufmerksam zu machen, welches seit 1976 der ,immer im Februar stattfindende, Black History Month ist und auch im US-amerikanischen Schulsystems aufgegriffen wird. Woodson war überzeugt, dass “wenn eine ´Race´ keine Geschichte hat, dann hat sie keine lohnende Tradition. Sie wird zu einem vernachlässigbaren Faktor im Denken der Welt, und es besteht die Gefahr, dass sie ausgelöscht wird.” Mit Blick auf die deutsche Geschichte, stellt sich die Frage, was sagt das über die Bundesrepublik aus?

Ist Schwarze-deutsche Geschichte nur für Schwarze?

Aktuell lese ich das Buch “Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche” von Reni Eddo-Lodge. Darin beschreibt sie eine Situation, die sie mit ihrer weißen Studienkollegin erlebte. Als die beiden die Option erhielten auf eine Sklavenplantage nach Liverpool zu fahren, winkte ihre Kollegin ab. Ihre Argumentation lautete: “Das ist ja gar nicht für mich konzipiert”. Reni war schockiert, ich nicht. Es gibt diesen Hollywood Mythos “Black Movies Don´t Sell”, was Black Panther, Gott sei Dank, widerlegte. Schwarze Menschen seien als Zielgruppe “wenige” und dementsprechend kein attraktiver Markt. Doch die Idee, das auch weiße Menschen einen Film mit einer Schwarzen Cast anschauen könnten oder ein Buch oder Theaterstück – sei absurd. Das, obwohl Schwarze Menschen in einer eurozentristischen Welt, das stets und ständig tun. Jeden Tag. Wirklich jeden Tag. Ist es letztendlich der Eurozentrismus, der bei der Konzipierung von Schulmaterialien afrodeutsche Historie ausradiert oder überhaupt nicht sieht?

Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich das Buch  “Deutsch sein und schwarz dazu: Erinnerungen eines Afro-Deutschen” von Theodor Wonja Michael las. Da ich in Berlin geboren und aufgewachsen bin, war es für mich faszinierend die NS-Zeit aus der afrodeutschen Perspektive zu lesen, auf den Straßenkreuzungen, die ich täglich überquere, an Haltestellen, an denen ich ausstiege, genau dort fanden die rassistischen und schmerzhaften Erfahrungen von Theodor Wonja Michael statt. Selbst die Erinnerung daran, verursacht mir gerade in diesem Moment, während ich diese Zeilen schreibe, Gänsehaut. Ich wusste nichts über die Schwarze-deutsche Geschichte, einfach weil ich keinen Zugang erhielt. Ich musste sie mir sehr mühselig selbst aneignen. Doch wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, erging das nicht nur Schwarzen Menschen so. Meine eine Freundin ging nach der regulären Schule, in die griechische Schule, wieder eine andere hatte Koranunterricht, eine weitere lernte Hocharabisch und Geschichte und ich? Ich ging nach der Schule nach Hause und schaute MTV. Überspitzt gesagt.

Es geht ja nicht nur darum, dass Schwarze Geschichte in deutschen Schulbüchern abstinent ist, sondern auch um die rassistischen Stereotypen, die darin reproduziert werden. Worüber wir mit Josephine Apraku auch gesprochen haben. Dazu folgt noch ein weiterer Beitrag. Es bleibt spannend!

Die Bundesrepublik ist sich über die repetitive rassistische Darstellung und dem eurozentrischen Lehrmaterial bewusst. Das schon seit über 20 Jahren. Ihr müsst nur kurz “rassistische Schulbücher” googeln und schon werdet ihr erschlagen mit diversen Vorstössen, Aussagen, Erkenntnissen und Initiativen. Über den Eurozentrismus war sich auch schon Willy Brandt in seiner Rede im Jahr 1983 bewusst. Trotzdem ändert sich nicht viel. Josephine Apraku sieht die Lösung darin, sich selbst zu organisieren und sogar die Schulpflicht abzuschaffen. “Ich merke, dass ich mich zunehmend frage: Braucht es eine Schulpflicht? Wie können wir lernen, uns anders zu organisieren? Wie könnte alternatives Lernen aussehen, wenn wir keine Schulpflicht hätten?” Was ziemlich drastisch klingt, ist in Frankreich, Großbritannien und in den USA bereits Alltag.

 

Ein Blick auf meine damaligen Mitschüler*innen zeigt: Das viele weitere People of Color, ihren Kindern bereits vor Jahrzehnten eine Alternative zum eurozentrischen Weltbild geboten haben. Natürlich ging es dabei um das Erlernen vom griechischen Alphabet, der Schriften des Korans und um Sprache. Doch jetzt mal ehrlich, wie abwegig wäre es, wenn es Kurse für junge Menschen oder für alle Menschen über die Schwarze-deutsche Geschichte gibt? So wie Woodson können wir nicht darauf warten, dass afrodeutsche Historie Teil des Lehrplans wird. Die Vergangenheit hat uns das schon gelehrt. Doch wie würde solch ein Konzept genau aussehen?

Ciani-Sophia Hoeder

Ciani

Ein Online-Lifestylemagazin für afrodeutsche Frauen schaffen. Genau das hat sich die 29-jährige Berlinerin in den Kopf gesetzt. Nun ist Cianis Traum wahr geworden. RosaMag informiert, inspiriert und empowert Schwarze Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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