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Ist Feminismus nur für weiße Frauen?

Ein Gedankenspiel, ein Kommentar, eine Beichte 

Vor zwei Wochen war ich auf einem Female Empowerment Event. Dabei wurde mir, ohne zu fragen, durch meine Afrohaare gefasst und ich musste mir die Erklärung einer hübschen weißen Frau anhören, dass doch alle Menschen in gewisser Weise Rassismuserfahrungen machen. Da kam sie wieder. Die Frage. Sie kroch in mir empor und nun muss ich es gemeinsam mit euch ergründen: Ist Feminismus nur für weiße Frauen? 

Who run the world? Girls!

Ich bin mit den Spice Girls aufgewachsen, habe bei der Female Future Force mitgemacht und bin die erste, die ein (fair) hergestelltes Feminismus Shirt zelebriert. Empowerment ist für mich essentiell und ich dachte, dass wir Frauen zusammenhalten, eben weil von den börsennotierten Unternehmen in der Chefetage nur sieben Prozent Frauen sitzen,

weil seit 2018 zwar mehr Frauen als Männer studieren, aber eben immer die Herren der Schöpfung gründen. Kurzum: Ich hatte geglaubt, dass Frauen, da sie bereits eine Form von Diskriminierung, das einzig aufgrund ihres Geschlechts, in ihrem Alltag erleben, sich besser in die Herausforderungen von der Diskriminierung der eigenen Hautfarbe hineinversetzen können. Pustekuchen!

Sexismus und Rassismus ist nicht gleich zustellen

Vor zwei Monaten erhielt ich von einer Freundin die Einladung auf einem Female Business Event einen Vortrag zu halten. Die Veranstalterinnen haben sich unfassbar viel Mühe gegeben und ich habe mich sehr gefreut, mit RosaMag – dem ersten Online-Lifestylemagazin für afrodeutsche Frauen dabei zu sein. Ich wollte diese Plattform nutzen, um nicht nur über Sexismus zu sprechen, sondern auch die Hürden als Schwarze Frau in der deutschen Businesswelt zu erläutern.

Es war eine gute Energie und nach den Vorträgen ging es ans Netzwerken. Als ich dann mit den Speakerinnen beisammen stand, erklärte mir eine Frau, dass wir doch alle in irgendeiner Form Rassismus erleben, als wir auf RosaMag zu sprechen kamen. Alle Augen lagen auf mir – als wäre ich die Richterin, die Person, die all diesen Menschen eine Absolution erteilen sollte. Von dem Wort Intersektionalität – die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen in einer Person – hat diese Runde wohl noch nie etwas gehört.

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“Für mich gibt es keine Farben?”

Vielleicht fragst du dich jetzt, warum dieser Satz problematisch ist? Kennst du Menschen, die Aussagen treffen, wie “Für mich gibt es keine Farben” oder die Rassismus komplett negieren, weil sie super offen sind. Immerhin haben sie ja auch eine Schwarze Freundin oder einen Kumpel im Freundeskreis. Genau diese Menschen unterstützen das rassistische System, indem sie so tun, als würde Rassismus, überhaupt nicht in unserer Gesellschaft existieren und rate mal wem das hilft? Bingo – 

auf jeden Fall nicht mir, Afrodeutschen, People of Color oder weiteren diasporischen Gruppen. Es ist ein blinder Fleck auf ihrer Weltkarte und genau das ist ein Privileg – genauer: White Privilege. Während diese naive Frau versucht, den Unterschied zwischen weißen und schwarzen Menschen zu ignorieren, sind unfaire Bezahlung, Polizeigewalt und Vorurteile nämlich noch immer präsent und somit auch ganz deutlich wahrzunehmen für jede*n hier und verdammt: Auch für Nichtbetroffene.

“Das wäre ja zu Ghetto!”

An einem Tag, wo ich, eben auch auf dieser Veranstaltung mit einer weiteren Dame darüber sprach, wie wichtig es ist ein afrodeutsches Magazin zu machen, statt auf die USA oder UK zu blicken und sie dann antwortete: “Oh ja, das wäre sonst zu Ghetto” und wisst ihr was: Ich war müde. Ich hatte keine Lust, diesen Frauen zu erklären, wie problematisch diese Aussagen waren. 

Also stand ich da. Nachdem ich einen 15-minütigen Vortrag darüber hielt, wie unterrepräsentiert Schwarze Frauen in den deutschen Medien sind, wie unsere Belange und Thematiken einfach in den Minderheiten-Topf geworfen werden und somit als unwichtig gelten. Ich habe voller Leidenschaft über Empowerment, Sichtbarkeit und darüber gesprochen, wie, wenn wir nicht über Rassismus und Sexismus sprechen, sich nichts ändern wird. Es war 23 Uhr. Ich hatte einen langen Tag hinter mir. Einen Tag, an dem ich, als ich in Berlin über die rote Ampel lief, eine ältere weiße Dame mir erklärte, dass man in ihrem Land nicht über rot laufe. Einen Tag, wo mir auf eben diesem Businessevent durch die Haare gefasst wurde, mit einem befriedigten Lächeln einer Frau und dem Satz “Die sind so schön und flauschig!”, was vermutlich als Kompliment gemeint war, aber ich wiederhole, das alles lief auf einem Businessevent ab.

Denn manchmal bin ich einfach müde von den Diskussionen und der Erkenntnis, dass Diversität für weiße Frauen eine Option ist, ein Gedankenspiel, den sie mal haben, eine Welt in die sie eintauchen können, aber sie müssen sich nicht damit auseinandersetzen.” 

Doch ich muss es, jeden Tag und viele weitere afrodeutsche Menschen in unserem Land noch mehr, denn auch ich bin als light-skinned Schwarze Frau privilegiert! Wenn ich das erkennen kann, warum können weiße Feministinnen das nicht?  

Intersektioneller Feminismus ist für Viele ein Fremdwort

Die Wahrheit ist, die junge Dame ist in einem rassistischen Umfeld sozialisiert und aufgewachsen. In dem es vor unterschwelliger Diskriminierung und Alltagsrassismus nur so wimmelt. Das führt dazu, dass sie gar “keine Farben” sieht. Wozu denn auch? Das muss sie auch überhaupt nicht. Sie wird nicht rassistisch angeblafft, sobald sie über eine rote Ampel geht und muss sich keine Gedanken darüber machen, dass nun alle Schwarze Menschen, wegen meinem Verhalten an diesem Tag in eine Schublade gesteckt werden und Sätze fallen könnten, wie “Die Schwarzen können sich nicht an die Verkehrsregeln halten. Keiner von denen!” Lasst uns zurück zu den 100 börsennotierten Unternehmen kommen.

Von den sieben Prozent an Frauen in der Chefetage, wie viele sind davon Schwarze Frauen? Und die Gründungen in Deutschland? Wie häufig sind es Schwarze Frauen? Bei all den tollen Feminismus Shirts und Empowermentsprech, müssen wir Intersektionalität – eben das auch Hautfarbe und die Sexualität – in unserer weißen, männlich, privilegierten Welt ein Thema ist, berücksichtigen. Manchmal muss ich tief und zen-mäßig durchatmen, wenn eben diese privilegierten Frauen davon sprechen, wie hart sie gearbeitet haben, um da zu stehen, wo sie heute sind und ja in diesen Fällen denke ich: Feminismus, zumindest der heutige Sekt-schwingende-Begriff in der Female Enterpreuer Welt, ist etwas für weiße Frauen.

Das Paradoxe daran ist: Ich war genau, wie diese Frau. Ich dachte über die Hälfte meines Lebens, dass wenn ich hart arbeite, eloquent spreche, nicht über Rot gehe und fleißig bin, dass ich keine Diskriminierung erlebe.

Die Lösung lautet: Critical Whiteness

Doch meine Erfahrungen haben mich etwas anderes gelehrt. Ich stamme aus der Kommunikationsbranche, die von Frauen dominiert wird, doch es sind immer Männer die am Ende die Chefposition erhalten. Als ich Journalismus studierte, erklärte ich meinem Dozenten, dass ich gern bei der Tagesschau Sprecherin werden möchte, doch er sagte mir, ich passe besser zu MTV, nur aufgrund meiner Hautfarbe. All diese Erfahrungen sorgten dafür, dass ich mir die Welt ansah und feststellen musste, dass wenn ich nicht darüber rede, wird diese Problematik nicht verpuffen. Nein, letztendlich unterstützen wir diese Welt mit dieser “Nicht-Handlung”. Die richtige Reaktion wäre also: “Ja, ich bin weiß und habe dadurch Privilegien in die Wiege gelegt bekommen, 

die ich sehe und die problematisch sind.” Also, statt zu sagen, ich sehe keine Farben, möchte die kritische Weißseinsforschung, Critical Whiteness, darauf aufmerksam machen, dass diese Lady nicht einfach ein „Mensch“ ist, sondern ein weißer Mensch. Das heißt, sie ist nicht ausgenommen von der gesellschaftlichen Bestimmung durch ethnische Merkmale. Eben diese Bestimmung verschafft ihr eine besondere Rolle. Dies zu leugnen, heißt, jene rassistischen Hierarchien fortzuschreiben, die sie für überholt annimmt und sorgen dafür, dass Schwarze Menschen in Deutschland strukturell diskriminiert werden. Erst wenn wir auf Events das anerkennen, ist Feminismus auch wirklich für alle Frauen. Es ist Zeit, dass wir mit dieser Weißmalerei endlich aufhören.  

Ein Online-Lifestylemagazin für afrodeutsche Frauen schaffen. Genau das hat sich die 29-jährige Berlinerin in den Kopf gesetzt. Nun ist Cianis Traum wahr geworden. RosaMag informiert, inspiriert und empowert Schwarze Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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