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Impostor-Syndrom-Schwarze-Frauen

Das Gefühl eine Mogelpackung zu sein: Schwarze Frauen und das Impostor Syndrom

Welche Wirkung haben Mikroaggressionen und das Impostor Syndrom auf Schwarze Frauen in Deutschland?

“Eigentlich wartet man nur darauf, dass jemand einen anguckt und sagt: Was machst du eigentlich hier? Du kannst das doch gar nicht!” Aissatou Lisa Diallo-Büschges ist 27 Jahre alt. Sie lebt und arbeitet in Hamburg als Senior Strategin und Konzepterin in der Elbkind digitale Kommunikationsagentur. Aissatou ist jung, macht Karriere, arbeitet hart und blickt auf viele Errungenschaften zurück. Das ist beeindruckend. Sie sieht das anders. Erkennt ihren Erfolg nicht an. Nicht konstant. Eher in Schüben. An guten Tagen ist alles ok. An Schlechten, durchfährt Aissatou das Gefühl, dass sie eine Mogelpackung sei. Sie wartet darauf, dass sie enttarnt wird. Komplimente oder positives Feedback zerschmettert sie mit Sätzen, wie “Ich habe echt schon bessere Arbeit geleistet.” Für dieses Gefühl gibt es einen Begriff: Das Impostor Syndrom. Auch Hochstapler*innen Syndrom genannt. Leistungsstarke, objektiv betrachtet, kompetente und erfolgreiche Personen neigen dazu ihre Leistungen  zu mindern, ihren Erfolg dem Glück zuzuschreiben und haben immer wieder Angst, als Betrüger*innen aus dem Verkehr gezogen zu werden. Aissatou ist nicht die Einzige. Ganze 70 Prozent der Amerikaner*innen kämpfen mit diesen aufdringlichen Gedanken, die durch das sogenannte Hochstapler*innen Syndrom hervorgerufen werden. Was es damit genau auf sich hat und warum es insbesondere für Schwarze Frauen in Deutschland relevant ist, haben wir mit Stephanie Cuff-Schoettle, Diplom-Psychologin, Co-Gründerin der Plattform MyUrbanology und ehemalige Beraterin bei OPRA – Psychologische Beratung von Opfern rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, besprochen: 

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Die Reduzierung des Selbstwertgefühls 

“Wenn man immer glaubt, nicht gut genug zu sein,” diese Headline eines Artikels eröffnete für Aissatou eine ganz neue Welt. Eine Erklärung dafür, warum sie immer wieder denkt, dass sie in ihrer Rolle, Position und ihren Errungenschaften deplatziert ist. “Mir war nie bewusst, dass ich an einem Syndrom leide bis zu diesem Artikel,” so Aissatou, die gleichzeitig erleichtert war, zu erkennen, dass es auch anderen Menschen so ergeht. “Letztendlich sind es innere Stimmen, die immer wieder kommen und rückmelden, dass alles was man erreicht, dem Zufall oder der Außenwelt zuzuschreiben ist. Die Personen denken oftmals, dass andere Menschen ihre Inkompetenz nur nicht erkennen oder es nur mit ihnen gut meinen und sie deshalb gewisse Positionen bekommen“, erklärt Stephanie Cuff-Schoettle. Ihrer Erfahrung nach sind es verschiedene Aspekte die gerade bei Schwarzen Frauen, Frauen of Colour, dabei eine Rolle spielen. „Vieles beginnt sicher schon mit den Grundbedingungen in denen Schwarze Mädchen in der weißen Mehrheitsgesellschaft oftmals aufwachsen“, so die Psychologin. „Meine Klientinnen schildern oftmals dass ihnen schon als Kind beigebracht wurde sich als Schwarzes Mädchen eher in Zurückhaltung zu üben, sich nicht zu viel Raum für die Durchsetzung eigener Bedürfnisse zu nehmen und  somit die Dinge anzunehmen wie sie eben sind. Sicherlich oftmals mit dem Bestreben der Eltern ihre Töchter auch vor Ausgrenzung und Diskriminierung zu schützen.” Gleichzeitig, und dass ist das wirklich Schmerzliche an den Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung, so die Psychologin, machten die Frauen schon als Mädchen immer wieder die Erfahrung, dass ihnen dennoch, egal wie angepasst und fleißig sie sich verhielten, Unterschätzung ihrer Leistungsfähigkeit, Ausgrenzungen und Verletzungen entgegen schlugen, oftmals ohne das Gefühl zu haben Einfluss auf die Situation hätten nehmen zu können. “Letzten Endes geht es beim Impostor Syndrom meines Erachtens nach,” so Stephanie Cuff-Schoettle ,”um das Erleben und Integrieren eines Selbstwirksamkeitsgefühls, gepaart mit dem Fühlen können seines eigenen Selbstwertes. Da wir als Schwarze Menschen aber genau im Hinblick auf unseren ‚Wert’ oftmals gespiegelt bekommen, dass wir nicht dazu gehören, anders sind und unsere Gefühle in beispielsweise diskriminierenden Situation zudem invalidiert werden, führt das nicht selten zu tiefen Selbstzweifeln über die Richtigkeit des Gefühlten und der eigenen Wertigkeit.”

Was bedeutet Invalidierung? 

Eine biosoziale Theorie über Borderline-Störung, die von Marsha Linehan betitelt wurde. Es beschreibt, dass wenn die Gefühle der Heranwachsenden dauerhaft nicht ausreichend gewürdigt und ernst genommen werden und wenn sie missachtet oder verdreht werden. Das Kind lernt dadurch nicht, wie es Erregungen benennen und regulieren und emotionale Spannungen aushalten kann. Auch als Erwachsene sind die Betroffenen oft nicht in der Lage, sich auf die eigenen Gefühle zu verlassen und diesen zu vertrauen.  

Impostor-Syndrom-Schwarze-Frauen

Schwarze Frauen sind nicht nur dem Impostor Syndrom ausgesetzt

“Das wir aus der Umwelt die Rückmeldung bekommen, dass was wir denken oder fühlen, nicht so schlimm ist. Dass wir es überbewerten, deswegen auch ein Rückschluss auf das Gefühl haben, ok, dass, was ich denke, was ich fühle, das was ich zur Schau stelle, ist offensichtlich nicht immer richtig. Das reduziert das Selbstvertrauen,” fasst Stephanie zusammen. Das Impostor Syndrom wurde erstmalig von Pauline R. Clance und Suzanne Imes im Jahre 1978 an der Georgia State University in Bezug auf erfolgreiche Frauen beschrieben. Neuere Studien zeigen, dass auch Männer unter diesem Gefühl leiden. Bei Afroamerikaner*innen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein daraus resultierendes psychisches Problem haben, um 20 Prozent höher als bei der allgemeinen Bevölkerung. Gleichzeitig ist die Diagnose oder Behandlung unwahrscheinlicher, da die Psychologie weiterhin von weißen Perspektiven dominiert wird. Klinische Studien umfassen seltener Themen für und über Schwarze Menschen. Cuff-Schoettle erklärt, dass es in den USA Stimmen gebe, welche erläuterten, dass wenn sich marginalisierte Gruppen, wie Schwarze Frauen, minderwertig fühlen und sich in ihrem Selbstwertgefühl nicht mehr einschätzen könnten, das Heranziehen des Impostor Syndroms als Erklärung nicht ausreichend sei. “Das dies vielmehr auch ein weiterer Ausdruck von patriarchalischen Strukturen und White Supremacy sei, weil die Personen eben in vornehmlich weißen Institutionen und Mikroaggressionen ausgesetzt werden, die sie in ihrer Entwicklung eingrenzen,” Sie sind ein perfektes, unseparierbares Paar, befeuern und ergänzen sich: das Impostor Syndrom und Mikroaggressionen, ein sozialpsychologischer Begriff, der winzige, als übergriffig wahrgenommene Äußerungen in der alltäglichen Kommunikation beschreibt. “Ich hinterfrage und reflektiere mich und mein Verhalten, meine Leistung und meine Arbeit ununterbrochen. Trotzdem fällt es mir häufig schwer, positives Feedback zu 100 Prozent nachzuvollziehen. Ich schiebe den Erfolg dann häufig auf andere Faktoren unter anderem eben auch den Migrantenbonus. So dachte ich häufig, dass Erfolge darauf zurückzuführen sind, dass Leute von einer Ausländerin sowas nicht erwartet hätten und positiv überrascht sind,” so Aissatou. 

“Komplimente, die immer nur in dem Kontrast des Stereotyps aufgedrückt werden, führen dazu, dass die Personen es nicht annehmen, genießen oder tief eindringen lassen können,” so Stephanie Cuff-Schoettle.

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Die Redefinition der eigenen Grundannahmen

Für Aissatou ist es bereits eine Lösung überhaupt zu erkennen, dass sie Züge des Impostor Syndroms erlebt. “Es hilft mir zu wissen, dass es ein Phänomen ist, mit dem ich nicht alleine bin. So kann ich in Situationen, in denen ich zu doll an mir selbst Zweifel auch verstehen, dass es vermutlich unbegründet ist.” Aissatou stellt sich dann die Frage, was genau die Unsicherheit hervorruft und versucht in diesem Bereich mehr Sicherheit zu erlangen. “Davon geht das Gefühl zwar nicht ganz weg, aber ich bin deutlich weniger gestresst. Außerdem sehe ich das Impostor Syndrom nicht nur als Nachteil. Es sorgt dafür, dass man sich selbst reflektiert und auf dem Boden bleibt,” ergänzt sie. Laut Stephanie Cuff-Schoettle gibt es weitere Lösungen: “Es gibt zum Beispiel Interventionen, wie das therapeutische Schreiben, wo sich die Personen selbst  aufzeigen, welche Grundannahmen bei Ihnen wirken, welche Glaubenssätze sie haben. So können Sie beobachten, hinterfragen und korrigieren an was sie ihre Erfolge wirklich spüren, sehen können und wollen. Der Prozess ist wie eine Redefinition der eigenen Grundannahmen. Auch Anteile-Arbeit in welchem die Patient*innen beispielsweise mit dem ‚unbarmherzigen Antreiber‘ ins Zwiegespräch kommt, kann eine sehr unterstützende Methode sein, sich selbst mehr zu verstehen, so die Psychologin.

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Spiegelung in einem gesunden Kontext hilft 

Seine Leistungen, als Schwarze Frau ausschließlich im Kontext von weißen Gruppen zu erzielen, könnte das Gefühl, eine Mogelpackung zu sein, verstärken. Stephanie Cuff-Schoettle rät: “Sich auch in Räume zu begeben, wo man auch von anderen Schwarzen Menschen und People of Colour umgeben ist und auch in diesen Räumen sich und seine/ihre Leistungen zu zeigen. Das kann die  Wahrscheinlichkeit auch andere Spiegelungen zu erfahren und diese integrieren zu können, erhöhen. Für die Zukunft wünscht sich Aissatou einen offeneren Dialog. “Ich hätte mir wahrscheinlich viel Kopfzerbrechen erspart, wenn ich früher von dem Syndrom gewusst hätte. Ich würde mir wünschen, dass generell darüber gesprochen wird. Außerdem gibt es noch nicht so viele und vor allem wenig verbreitete Studien zu WoCs mit Impostor Syndrom. Da gibt es jeweils welche zu Frauen oder welche zu PoCs. Auch dazu würde ich mir mehr wünschen.” Aber auch Stephanie ergänzt: “In Deutschland ist es ein generelles Problem, dass die Repräsentation von Schwarzen Menschen, Schwarzen Frauen, zu gering ist. Probleme und Themen finden dadurch in der Forschung und Berichterstattung weniger Zugang.” Bis dahin, ist es noch ein langer Weg. 

Habe ich das Impostor-Syndrom? Einige “typische” Leitsätze: 

  • “Das waren gute Umstände, warum das funktioniert hat.” 
  • “Wenn die wüssten, was ich eigentlich kann oder darüber weiß?”
  • “Wenn das rauskommt, bricht alles zusammen” // Häufige Angstphantasien.
  • “Das war jetzt nur der Zufall”/ “Der andere kann das viel besser” 
  • “Das ist ja schön, dass er, sie oder die Person mir das Kompliment gemacht hat, aber das hat er/sie/ die Person nur getan, um mich besser fühlen zu lassen.” 

Ein Online-Lifestylemagazin für afrodeutsche Frauen schaffen. Genau das hat sich die 29-jährige Berlinerin in den Kopf gesetzt. Nun ist Cianis Traum wahr geworden. RosaMag informiert, inspiriert und empowert Schwarze Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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