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ROSAMAG ist ein Online-Lifestylemagazin, dass afrodeutsche Frauen und Freunde informiert, inspiriert und empowert. ROSAMAG porträtiert die facettenreichen Lebenswelten der modernen schwarzen Frau. Von natürlichen Pflegetipps für Afrolocken, inspirierenden Interviews, mitreißenden Kommentaren und beflügelnden Reportagen - Wir zelebrieren afrodeutsche Frauen! Wir möchten Vorbilder schaffen und unsere Diversität zeigen.

Afro Haare politisch

Ist das Bedürfnis, die Afro Haare natürlich zu tragen, eine Politisierung?

Drei unterschiedliche Frauen, drei Gründe, drei Wege und ein Konsens 

Afro Haare sind ein Politikum. Ob wir das möchten oder nicht. Beyonce ist als Popsängerin mit blonden, glatten Haaren am erfolgreichsten, die Bestsellerautorin Chimamanda Adichie ist überzeugt, dass, wenn Michelle Obama natürliches Haar trage, Barack Obama die Präsidentschaft nicht gewonnen hätte und in New York sind Afrohaare am Arbeitsplatz erst seit letztes Jahr per Gesetz erlaubt. In deutschen Afroshops dominieren der Relaxer, Kunsthaar und Perücken – die Auswahl an Produkten, die die natürliche Haartextur modifizieren, sind im Vergleich zur natürlichen Haarpflege stärker vertreten. Ein Blick auf Janina Kugel, ehemaliges Siemens-Vorstandsmitglied, oder Niddal Salah-Eldin, stellvertretende Chefredakteurin bei der Deutschen Presse Agentur, zeigt: Je erfolgreicher Schwarze Frauen sind, desto glatter sind ihre Haare. Das in Deutschland dominierende Schönheitsideal ist glatt und blond. Schwarze, coily Haare sind ein Kontrast, eine Rebellion. Punkt. Doch sind Naturalistinnen automatisch politisch, sobald sie ihre Afro Haare natürlich tragen? Entsteht mit dem Prozess natürlicher zu werden, eine Politisierung des Individuums?

Afro Haare politisch

Bild von Berrly

“Für mich war es eine krasse Entscheidung, den Weg der Curls zu gehen.”

“Die Entscheidung, meine natürlichen Haare zu tragen, stand nie im Raum,” erklärt uns die 26-jährige Berryl aus Mannheim. Seit eineinhalb Jahren trägt sie ihren Afro. Über 20 Jahre glättete sie ihre Locken chemisch. Seitdem sie sechs war, wurden ihre Haare alle zwei bis drei Wochen mit dem Relaxer behandelt. Berryl beschreibt es, als einen Prozess der durchtränkt war mit Scham und Unwohlsein. Sie wusste auch nicht, wie sie anders mit ihren Haaren hätte umgehen sollen. “Mir war bewusst, was der Unterschied zwischen einer Wig, Weave oder Braids ist, doch mir war nicht klar, dass nicht nur Braids ein Teil meiner Kultur sind, sondern auch Weaves und Wigs,” so Berryl. “Ich dachte sie wären einfach nur Frisuren, die ich alle zwei, drei Wochen bekam.” Gemeinsam mit ihrem Freund erwachte in ihr das Bedürfnis die Welt um sich herum besser zu verstehen. Nachzuvollziehen, warum ihre Haare mit Stereotypisierungen aufgeladen sind oder warum es keine überschaubare Repräsentation von ihrer Haarstruktur gab. Mit dem neuen Habitus an der Universität begannen die beiden mehr antirassistische Theorien und Werke zu lesen. Mehr über die togolesische und afrodeutsche Geschichte zu lernen. Sukzessiv politisiert sie sich und löste ihr Haartrauma. Berryl las mehr über natürliche Haare und informierte sich auf Youtube. Sie war überzeugt, dass wenn sie politisch agierte, dann sollte sie auch ihre Haare lieben lernen. “Für mich war es eine krasse Entscheidung, den Weg der Curls zu gehen,” so Berryl. Es war ein emotionaler Prozess. Sie ließ ihre Haare herauswachsen, lernte sie erstmalig kennen, einen Teil ihres Selbst, den sie über Jahrzehnte unterdrückte. “Als ich den Big Chop machte, habe ich eine Grenze überschritten. Alles abzurasieren, mit allen abzuschließen, war befreiend.”

Afro Haare politisch

Bild von Latifah

“Wenn du POC bist, bist du irgendwann gezwungen politisch zu werden”

Berryls Politisierung führte sie in die Welt der natürlichen Haare. Bei Latifah war es genau andersherum. “Du politisiert dich automatisch, einfach weil du Bock hast deine Haare so zu tragen, wie sie auf deinem Kopf wachsen,” erklärt die 20-jährige, die auch den Youtube-Channel “Beauty and Politics” betreibt. Mit 13 Jahren traute sie sich erstmalig mit ihren Locken in die Schule. Es war ihr unangenehm. Zuhause trug sie ihre Haare natürlich. Machte Fotos von sich, aber so, dass die Haare nass waren und dadurch herab hingen. “Ich habe 4b-Haare. Die Hängen nicht herunter, sie stehen ab. Das war der Grund, warum ich sie hässlich fand.” Danach folgte der Relaxer, Undercuts, Bobs – sie experimentierte viel herum. Online entdeckte sie die Natural Hair Welle. Ließ sich von dem Strom mittragen, informierte sich immer mehr und begann ihre Haare kennen und lieben zu lernen. “Bei Jungs werden die Haare kurz geschnitten, bei Mädchen relaxt. Hauptsache keiner sieht, dass du natürliche Haare hast,” ergänzt sie. Mit dem Bedürfnis mehr über den eigenen körperlichen Aspekt herauszufinden, entdeckte sie mehr politische Informationen. Memes, Fotos, Zitate und letztendlich, die Erklärung, warum sie ihre Afro Haare über so eine lange Zeit modifizierte, wa Latifah politisierte.

“Politisierung hat immer zwei Seiten”

Bei Emilene Wopana Mudimu war es anders. Nachdem sie zwei Drittel ihres Lebens damit verbrachte, ihre Afro Haare mit dem Relaxer zu behandeln, musste sie feststellen, dass ihre Haare an einigen Stellen fehlten und das die Verbrennungen, dieser schmerzhaften Prozedur, sich intensivierten. Heute setzt sie sich beruflich mit dem Thema auseinander. Seit 2014 hält sie Vorträge und gibt Workshops zu “Black Hair Politics”. “Ich kannte meine Haare gar nicht”, erklärt Emilene, die schon in sehr jungen Jahren begann ihre Haare chemisch zu glätten. ”Ich hatte Glück, dass meine Haare nachwuchsen.” Das taten sie, sodass Emilene getraut hatte ihre Afro Haare offen zu tragen und das polarisiert bei Menschen. Es lenkte die gänzliche Aufmerksamkeit ihres Umfeldes primär auf ihren Kopf. “Es ging ganz oft um meine Haare. Dabei hat Weiblichkeit für mich nichts mit den Haaren zu tun.” Ab 2014 beschäftigte sie sich intensiver mit ihren Körper. “Politisierung hat immer zwei Seiten. Eine Seite, die du aktiv selber beeinflussen kannst und noch eine Seite von außen. Die, auf der viel auf dich projiziert wird,” ergänzt sie.

Viele Wege führen zur Politisierung

“Inzwischen weiß ich, warum es mir immer so unangenehm war, meine natürlichen Haare zu tragen. Damals habe ich die Mechanismen noch nicht verstanden, das exotisierende. Da hörte ich Sätze, wie: Bei dir ist es cool, aber das würde ich nicht so haben wollen! Heute kriege ich eher: Ich hätte so gern deine Haare,” erklärt Latifa aus dem Saarland. Die Natural Hair Bewegung war eine Liberalisierung für Schwarze Frauen. Einfach weil die Prozedur der chemischen Glättung oder die Afro Haare unter einer teuren sowie glatten Perücke zu verstecken in die, laut Berryl, manche Frauen mehr Geld investieren, als in die Pflege ihrer eigenen Haare, einfach eine Tradition, die von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Diese Mechanismen wurden kaum in Frage gestellt. Einfach weil das Schönheitsideal, dem Schwarze Frauen in weiß-dominierten Normen ausgesetzt sind, rassistisch ist. Das wiederum führt zu kanalisierte Rassismen, dem Blick in den Spiegel und das Gefühl, die eigenen Haare nicht schön zu finden, dem Bedürfnis die Haare anzupassen, sie zu verändern, den glatten Normen zu entsprechen, um zu einer Welt zu gehören, die dir Tag ein und aus suggeriert: Du bist nicht schön. Sich diesen Mechanismen bewusst zu werden, macht wütend. Es ist schmerzhaft, heilend und führt unweigerlich zu einer Politisierung.

Die Konsequenz ist bei jeder Person anders. Der Weg dorthin auch. So begann es bei Latifa mit dem Wunsch eine neue Frisur auszuprobieren, bei Berryl, die bereits politischer war, mit der bewussten Entscheidung, den eigenen Afro als rebellisches Symbol zu tragen oder Emilene, die mit einem Blick auf ihren Kopf, die Folgen der chemischen Glättung sah und erkannte, wie gesundheitsschädigend es ist, einem Ideal hinterher zu jagen, dem man letztendlich niemals entsprechen wird. Doch dieses Wissen, diese Erkenntnis ist ein Privileg.

Es ist ein Privileg seine Haare überhaupt natürlich tragen zu können.

Erfolgreiche Frauen, die sich ihre Haar glätten, sind sich dessen auch bewusst. Sie wissen, dass es eine Form der Anpassung ist und gleichzeitig das Ticket, um in weiße Räume zu gelangen, die ihnen verwehrt blieben, wenn sie mit einem Angela Davis Fro hinein kämen. Afro Haare sind sexy, sogar trendy, aber dieser Paradigmenwechsel sickert nicht überall hindurch. “In einer Welt, die Weißsein, als Schönheit zelebriert, ist es wichtig, dass es Schwarze Plattformen gibt, in denen man sich selbst sieht und erkennt: Die sehen aus wie ich!” Doch die Natural Hair Bewegung hat Grenzen. Einst als Empowerment Vehikel für dark-skinned 4c Haare konzipiert, dominieren auf Youtube, auf Produktbildern von Hersteller*innen und unter den erfolgreichsten Blogger*innen eher der gesellschaftlich akzeptierte Afro Haar Typus 3a bis c. Beliebt ist, was näher an dem weißen, glatten Schönheitsideal heranreicht, bei weiß und eben auch bei Schwarz. “Wenn du POC bist, bist du irgendwann gezwungen politisch zu werden. Alles was wir tun, wird automatisch politisch gesehen. Weiße Menschen können sich dazu entschließen, politisch zu werden. Wir nicht,” so Latifa. Somit ist die Frage Afro Haare oder keine Afro Haare auch politisch.

Ein Online-Lifestylemagazin für afrodeutsche Frauen schaffen. Genau das hat sich die 29-jährige Berlinerin in den Kopf gesetzt. Nun ist Cianis Traum wahr geworden. RosaMag informiert, inspiriert und empowert Schwarze Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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